Treff Alt Menden

Verzeichnis

  • Sommer 2015 – Wendepunkt in der deutschen und europäischen Migrationspolitik
  • Erster Preis: Treff Alt Menden – Begegnungsstätte der Kulturen
  • Treffpunkt für Mendener Alt- und Neubürger – zur Eröffnung des Treffs Alt Menden 2018
  • Bericht aus dem Senfkorn 2018 zur Eröffnung des Treffs Alt Menden

Flüchtlingshilfe-Vortrag von Herbert Bölling

Sommer 2015 – Wendepunkt in der deutschen und europäischen Migrationspolitik  Von Herbert Bölling


Ankunft, Unterbringung und Versorgung von Geflüchteten 

Über 890.000 Schutzsuchende kamen in diesem Jahr nach Deutschland – viele von ihnen flohen vor Krieg und Verfolgung aus Syrien, Afghanistan, Iran und Irak. Die Aufnahme dieser Menschen stellte Gesellschaft, Politik und Verwaltung vor immense Herausforderungen.

Heute blicken wir zurück auf mehr als zehn Jahre gelebte Solidarität, zehn Jahre geteilte Geschichten und gemeinsame Hoffnung.

Am 5. August 2015 kamen in unserer Gemeinde Bösperde 150 Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisengebieten an, insbesondere aus Syrien, auch aus Albanien, Serbien, Mazedonien und afrikanischen Gebieten wie Eritrea und aus anderen Ländern.

Geflüchtet, weil die dortigen Lebensbedingungen unerträglich, sogar lebensbedrohend waren und es keine Zukunftsperspektive für das Leben in der Heimat gab.

Der damalige Pfarrgemeinderat und der Kirchenvorstand sowie weitere Helfer aus den Gruppen der Gemeinde hatten ihre Hilfe angeboten. 

Die langjährige Vorsitzende der Caritaskonferenz Bösperde, Irmgard Feldmann, hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt, mögliche Helferinnen und Helfer zu finden. Sie hatte  am Abend des 5. August Menschen aus dem nahen Umfeld angesprochen, die zur sofortigen Hilfe bereit waren,  und sie ermuntert, bei der täglichen Essensausgabe zu helfen. Morgens, mittags und abends haben ca. 30 Personen tatkräftig und warmherzig Speisen und Getränke ausgeteilt. Ohne lange Überlegung waren ehrenamtliche Mitbürgerinnen und Mitbürger aller Couleur zur Unterstützung bereit. 

In einer eingerichteten Kleiderkammer wurde Kleidung abgegeben. Auch medizinische Versorgung war gewährleistet durch ehrenamtliche Mitarbeitende im medizinischen Bereich, die mit notwendigen Medikamenten und fürsorglicher Hilfe da waren. Mit einigen gelang die Kommunikation in englischer Sprache, ansonsten musste es mit Händen und Füßen klappen. Auch der Google-Übersetzer war eine große Hilfe.

Im Pfarrheim Bösperde und in der damaligen Nikolaus-Groß-Grundschule wurde die deutsche Sprache vermittelt. Hierbei waren ehemalige Lehrerinnen und Lehrer aus unterschiedlichen Schulbereichen im Einsatz, um das Angebot auch professionell zu gestalten.  Von montags bis freitags jeweils von 8:00 bis 18:00 Uhr wurde Hilfe angeboten und von vielen Geflüchteten angenommen..

Ehrenamtliche Helferinnen und Helfer aus unserer Gemeinde und aus dem Pastoralverbund Menden halfen bei der täglichen Essenausgabe, Kinderbetreuung in der Unterkunft, Hilfe bei Arzt oder Krankenhausbesuchen und bei Behördengängen. 

Um Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen unsere Sprache zu vermitteln und Alphabetisierungshilfe zu geben, wurde im Pfarrheim ein Raum als Schulungsraum eingerichtet. An 5 Tagen pro Woche und bis zu 7 Stunden täglich engagierten sich Menschen im Ruhestand und andere in ihrer Freizeit. Daneben lag ein Schwerpunkt auf Spielen und Beschäftigung mit Kindern.

Von Alphabetisierung über Umgangssprache bis hin zur Grammatik. Dieses umfangreiche Angebot wurde sehr gut und mit Freude angenommen.

In der Schule wurden Räume eingerichtet, die nur für die Kinder zum Kennenlernen und Spielen bestimmt waren. Viele Ehrenamtliche aus Bösperde und den umliegenden Gemeinden waren bereit, mit den Kindern zu spielen, und zu lernen. Auch an dieser Stelle kann immer wieder ein herzliches „Vergelts Gott“ ausgesprochen werden für diesen Einsatz im Dienst am Menschen.

Am 31. August 2015 sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Bundespressekonferenz den Satz: „Wir schaffen das“. Das war ein Satz, der zum Leitspruch einer Zeit wurde, in der Deutschland unter Hochdruck Unterkünfte organisierte, Sprachkurse aufbaute, Bildungsangebote erweiterte und Integrationsmaßnahmen entwickelte. Vieles davon wurde nur möglich durch das außergewöhnliche Engagement von Ehrenamtlichen, die sich in Gemeinden, Initiativen und Organisationen für die Aufnahme und Begleitung Geflüchteter einsetzten. 

Sie leisteten praktische Hilfe, spendeten Zeit und Zuwendung und trugen wesentlich dazu bei, dass viele Schutzsuchende in Deutschland Fuß fassen konnten.

Die Caritas und die Diakonie, unterstützten unsere Arbeit und inspirierten uns, Nächstenliebe konkret werden zu lassen und dazusein für Beratung, Begleitung, Versorgung  – mit offenem Ohr für die Sorgen derer, die Vieles und Alles verloren haben. 

Was als Engagement einiger weniger begann, ist heute ein starkes Netzwerk geworden – getragen von Herz, Haltung und Hingabe.

Fremden Heimat geben im Café Grenzenlos 

August 2015 bis Ende 2017 

Im November 2015 wurde im Pfarrheim der katholischen Kirchengemeinde Bösperde das „Cafe Grenzenlos“ zum ersten Mal geöffnet. 

Flüchtlinge und interessierte Bürger der Stadt Menden kamen von da an zu regelmäßigen Treffen alle 4 bis 6 Wochen bei Kaffee, Kuchen sowie speziellen Leckereien aus der jeweiligen Heimat der Geflüchteten, zusammen. Kuchen und Kaffee wurde gespendet von örtlichen Bäckereien. Ziel hierbei war es, sich kennenzulernen und einen Beitrag zu einem konstruktiven Miteinander in unserer Stadt zu leisten. 

Mit den  Kindern wurde zusätzlich gespielt, sodass es zu einem großen Familientreffen wurde. Teilweise zählten wir bis zu 150 Besucherinnen und Besucher. Darunter waren auch einheimische Bürger aus dem privaten Bereich, aus heimischer Kirche,  selbst aus der Diözese Paderborn kamen interessierte Verantwortliche, aus heimischer Politik und Verwaltung bis hin zum Bürgermeister unserer Stadt sowie Verantwortliche aus Landes- und Bundespolitik. Wir waren oft sehr überrascht und auch stolz auf diese Wertschätzung über unsere Grenzen hinaus. 

In unseren Gedanken war der Satz unserer Bundeskanzlerin fest verankert:

                                                           „W i r   s c h a f f e n   d a s “

Das Flüchtlingshilfeprojekt „Cafe Grenzenlos“ wurde zum Liborifest mit dem ersten Preis des Pauline-von-Malinckrodt-Wettbewerbs 2017 der Caritasstiftung des Erzbistums Paderborn ausgezeichnet.

Allen Beteiligten wurde für ihr vorbildliches Engagement im sozial caritativen Bereich Dank und Anerkennung ausgesprochen. 

Paderborn, den 29. Juli 2017, unterzeichnet von Domkapitular Dr. Thomas Witt,  Kuratoriumsvorsitzender und Karl Jürgen Auffenberg, Vorstandsvorsitzender.

Flüchtlingsarbeit zieht weitere Kreise

Im Laufe der Zeit wurden viele Flüchtlinge selber aktiv und zu Helferinnen und Helfern.  Sie haben sich eingebracht bei einer Vielzahl von Aktivitäten, bei denen sie helfen konnten. Wohnungen wurden eingerichtet, von Privatpersonen angebotene Möbel wurden abgebaut und neu aufgestellt. Dabei stellte sich auch heraus, welche Qualität viele Menschen hatten, um handwerkliche Arbeiten auszuführen, um auf dem Arbeitsmarkt vermittelt werden zu könnten, um ihr Leben hier selbst zu finanzieren. 

Inzwischen hatten sich unsere Aktivitäten verlagert und werden sich auch künftig noch weiterentwickeln. In der Zusammenarbeit mit Behörden, Schulen, dem Jobcenter und Arbeitsamt geht es um eine erfolgreiche Arbeits-Vermittlung  und vieles mehr.

Da viele Flüchtlinge inzwischen im Stadtgebiet Menden eine Wohnung bekommen hatten, entstand die Idee, einen zentralen Treffpunkt in Menden einzurichten.

Es sollte eine Begegnungsstätte sein, in der alle Menschen willkommen sind.

Zusammenkommen im Treff Alt Menden, der Begegnungsstätte aller Kulturen

Seit September 2018

Neubürgern und Einheimischen wollten wir die Möglichkeit geben, sich „barrierefrei“ zu begegnen und auf Augenhöhe miteinander zu kommunizieren. 

Es war beabsichtigt, eine Immobilie anzumieten, die nicht in Gebäudekomplexen von Stadt, Jobcenter, Kirche oder Sozialmarkt angesiedelt ist.

Durch räumlichen Abstand zu Institutionen ist es eher möglich, frei miteinander zu sprechen , von den Sorgen und Ängsten der verschiedenen Menschen zu erfahren, und auch Hilfe anzubieten bzw. Lösungen für die unterschiedlichsten Sorgen zu finden.

Wir wollten die Aktivität der Begegnungen zukünftig ins Zentrum der Stadt verlagern und auch den zeitlichen Rahmen der Unterstützung erweitern. 

Nach mehreren Anfragen und Recherchen für neue Räumlichkeiten wurde uns eine frühere Gastwirtschaft, die seit langem leerstand, angeboten. Sie befindet sich in zentraler Lage in der Mendener Altstadt, An der Stadtmauer 33 mit dem Ursprungsnamen  „Alt Menden“. 

Der heutige Eigentümer hat uns diese Immobilie freundlicherweise überlassen, nachdem wir den Grund für dieses Vorhaben dargelegt hatten. 

Die Grundreinigung und Renovierung sowie der Einbau einer gespendeten Kücheneinrichtung konnten von ehrenamtlichen Helfern gemeinsam mit Flüchtlingen durchgeführt werden. 

Es wird eine Begegnungsstätte, in der Austausch und Kommunikation von Deutschen und Zugewanderten gepflegt wird, in der kulturelle Angebote ebenso wie Infoveranstaltungen stattfinden, in der auch Speisen und Getränke ausgegeben werden, die von Geflüchteten oder Freunden und Gönnern gespendet oder gemeinsam zubereitet werden.  

Nur mit Unterstützung des Caritas-Verbandes Paderborn, sowie mit weiterer Unterstützung durch den Märkischen Kreis konnten wir die anfallenden Energie- und sonstigen Hauskosten decken. Da wir über kein Kapital verfügen, waren und sind wir auf Spenden angewiesen, um diesen Kostenaufwand und auch alle anderen Aktionen finanziell zu decken.

Heute können wir Danke sagen für die Unterstützung einiger Mitbürger, die uns im Rahmen ihrer jeweiligen Geburtstagsfeiern mit Geldspenden unterstützt haben. Ebenso bedanken wir uns bei dem Rotaryclub Menden, dem Lionsclub Menden, dem Kirchenchor St. Vincenz, dem Pfarrverbund Menden, dem Kindergarten St. Maria Magdalena Bösperde, der Caritas-Konferenz St. Walburgis, der Evangelischen Kirchengemeinde für Geldspenden von verschiedenen Festen und für kleine und große Spenden unserer Besucher. 

Wenn Viele helfen, kann Großes gelingen

Während unseres Engagements haben wir gelernt, dass Vielfalt kein Hindernis ist, sondern eine Bereicherung, dass unterschiedliche Kulturen,  Religionen, Sprachen und Traditionen unsere Gemeinschaft stärken und lebendiger machen.

Auch der interreligiöse Austausch zwischen verschiedenen Nationen und die Begegnung von Menschen mit unterschiedlichen Lebenswegen zeigen uns, dass wir alle auf der gleichen Reise sind, einer Reise der Hoffnung und der Zuversicht.

Wenn wir auf die Jahre des vergangenen Jahrhunderts, und insbesondere seit 2015 zurückblicken, sehen wir eine Zeit großer Herausforderungen – auch großer Menschlichkeit. Damals wie heute sind Menschen zu uns gekommen, weil sie Schutz brauchten. Viele von uns haben geholfen, Türen geöffnet, Begegnungen ermöglicht. 

Und wir haben erlebt: 

Integration gelingt dort, wo Menschen einander begegnen, 

wo Vertrauen wächst und wo wir als Gesellschaft Haltung zeigen.

Denken wir nur an die Jubelrufe vieler Menschen bei Ankunft der Geflüchteten in München, in Hamburg und in vielen anderen Städten.  

Herzlich willkommen..! Haben wir das nicht 2015 gehört und gesehen?

Doch die Welt hat sich seitdem verändert. Heute sind 122 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht – mehr als jemals zuvor seit Beginn der Aufzeichnungen. Nicht, weil sie es wollten, sondern weil Kriege, Verfolgung, Hunger und politische Instabilität sie dazu zwingen. Und alles deutet darauf hin, dass diese Zahl weiter steigen wird. 

Gleichzeitig erleben wir hier bei uns eine wachsende Unsicherheit:

neue Regelungen, politische Spannungen, Parolen wie „die Ausländer sind schuld“,

gesellschaftliche Polarisierung, Hassreden, Spaltung der Gesellschaft und Menschen, die nicht wissen, wie es für sie weitergeht.

Gerade deshalb ist unser Engagement heute wichtiger als je zuvor.
Denn wenn die Welt unruhiger wird, braucht es Orte der  Verlässlichkeit. 
Wenn Menschen Angst haben, braucht es Menschen, die Mut machen. 
Wenn Regeln sich ändern, braucht es Menschen, die Orientierung geben. 
Und wenn die Zahl der Geflüchteten steigt, braucht es Menschen, die sagen: Wir lassen euch nicht allein.

Wir können die weltweiten Krisen nicht lösen. Aber wir können hier vor Ort etwas tun:  


Sicherheit geben, Beziehungen aufbauen, Perspektiven eröffnen, und zeigen, dass Menschlichkeit keine Frage der politischen Lage ist.

Die Jahre seit 2015 haben uns gelehrt, dass Engagement wirkt. 
Und die kommenden Jahre werden uns zeigen, wie sehr wir es weiterhin brauchen. 

Wo liegen denn die wirklichen Probleme? – 

Warum bleibt unser Engagement unverzichtbar?“

Es ist wichtig, dass wir ehrlich hinschauen: 

Viele der großen Probleme der vergangenen Jahre wurden nicht durch die Geflüchteten verursacht, sondern durch Schwächen in unseren eigenen Strukturen. Das sagen zahlreiche Berichte, Analysen und Stimmen aus Verwaltung und Praxis.

Immer wird deutlich:  

Abläufe sind zu langsam, Zuständigkeiten unklar, Kontrollen unzureichend,

Konsequenzen fehlen, und Behörden waren und sind personell wie technisch überfordert. 

Diese Defizite wurden und werden oft – gerade in politischen Debatten – den Geflüchteten zugeschoben. 

Doch die Wahrheit ist: Die meisten Probleme entstanden nicht durch „zu viele Menschen“, nicht durch zu viele Ausländer, sondern durch „zu wenig funktionierende Strukturen“.

Das zu benennen ist kein Angriff, sondern ein Schritt zur Ehrlichkeit. 

Nur wer die Ursachen erkennt, und dazu steht, kann Lösungen finden.

Deutschland ist stark – und kann Verantwortung tragen

Bei aller Unsicherheit dürfen wir nicht vergessen:

Deutschland gehört zu den wirtschaftlich stärksten Ländern der Welt und steht 

auf Platz 5 der globalen Wirtschaftskraft. Unsere Klagen bewegen sich – im internationalen Vergleich – auf sehr hohem Niveau. Gleichzeitig fehlen uns Hunderttausende Arbeitskräfte in Pflege, Handwerk, Industrie und Dienstleistung.

Viele Geflüchtete wollen arbeiten. Viele können arbeiten. Und viele dürfen es nicht, weil Verfahren zu lange dauern. Das ist Realität, die wir nicht ignorieren sollten.

       „Wir schaffen das“ – ein Satz, der Mut macht.

Der Satz von Angela Merkel wurde viel diskutiert. Aber er hat eines getan: Er hat Menschen ermutigt, Verantwortung zu übernehmen. Er hat gezeigt, dass ein Land nicht mit Angst reagieren darf, sondern mit Empathie und Haltung.

Rückblickend ist zu sagen:

Wir haben viel geschafft. Nicht perfekt. Nicht ohne Fehler. 

Aber mit Herz, Verstand und Ausdauer.

Und wir werden weiter schaffen, was nötig ist – wenn wir zusammenstehen, 

wenn wir klar bleiben, wenn wir uns nicht spalten lassen. 

Viele Politikerinnen und Politiker betonen, wenn es um Menschen aus anderen Kulturen und anderen Religionen geht, dass wir das „christliche Abendland“ sind. Der bayerische Ministerpräsident hat diesen Begriff hervorgehoben. Aber die Buchstaben  „C und S“ im Parteinamen bedeutet mehr als Tradition oder Kultur. 

Sie bedeuten: 

       Nächstenliebe, Menschenwürde, Verantwortung, 

       Schutz der Schwachen, Verpflichtung, niemanden fallen zu lassen.

       Das ist kein politisches Programm – das ist ein geistlicher Auftrag.

Und gerade wir Menschen in unserem christlichen Abendland, sollten wissen:

„Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

       Das ist der Maßstab, an dem wir uns messen lassen müssen.

Ein spiritueller Schlussgedanke!

Wir leben in einer Welt voller Unruhe. Aber wir leben nicht ohne Hoffnung.

„Fürchtet Euch nicht“ – dieses Wort zieht sich durch die ganze Bibel. 
Es ist keine Vertröstung. Es ist eine Zusage: 

Gott geht mit uns. Mit den Geflüchteten, und mit all denen, die helfen. 

Info-Vortrag bei Seniorenunion der CDU Menden

Referent: Herbert Bölling

                  Vors. Caritas Konferenz Treff Alt Menden

Menden, 08. April 2026


Erster Preis: Treff Alt Menden – Begegnungsstätte der Kulturen

Liebe Monika Bölling, liebe Gaby Wozniewski, liebe Marika Eggers, lieber Herbert Bölling – stellvertretend für alle, die sich zusammen im Treff Alt Menden für die Begegnung der in Menden lebenden Kulturen einsetzen und engagieren.

Ich habe die große Ehre und es macht mich unendlich stolz, Ihnen heute den ersten Mendener Heimatpreis 2019 zu verleihen.

Als ich von Heike Berkes gefragt wurde, ob ich heute eine Laudatio auf den ersten Preisträger „Treff Alt Menden“ halten würde, habe ich keine Sekunde gezögert –  im Gegenteil, ich hätte mich um diese Aufgabe gerissen, wenn sie mir nicht angetragen worden wäre. Denn tatsächlich habe ich zu Ihnen nicht nur einen dienstlichen, sondern auch einen emotionalen Bezug. Sie können sich erinnern, ich habe die Entstehung Ihres Engagements von Anfang an und in unmittelbarer Nähe direkt beteiligt miterlebt.

Lassen Sie uns zurück in das Jahr 2015 blenden, genauer gesagt zum 03. August 2015, einem sonnigen Montag in der letzten Woche der Sommerferien und aus heutiger Sicht dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise. Das Rathaus war ferienbedingt nur halb besetzt, ich hatte den ersten Teil der Ferien Urlaub und war also im Dienst, als im Rathaus ein Anruf von Gerd Bollermann, dem damaligen Regierungspräsidenten der Bezirksregierung Arnsberg, einging: Der RP wandte sich mit einem – auf Beamtendeutsch – „Amtshilfeersuchen“ an die Stadt Menden und zwar:

Die Verwaltung möge binnen 72 Stunden eine Unterkunftsmöglichkeit für 150 Menschen schaffen, diese Menschen noch am selben Tag umgehend ärztlich untersuchen und asylrechtlich registrieren und sie dort fortan mit allem Nötigen versorgen, zumindest vorübergehend.

Bereits am 05. August, also – wie amtshilfeersucht – zwei Tage später, kamen 150 notleidende Menschen in Menden auf dem Schulhof der ehemaligen Nikolaus-Groß-Grundschule in Bösperde an. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, speziell denjenigen unter Ihnen, die an diesem Tag dabei waren – in dienstlicher Funktion, wie ich oder in vielfältig ehrenamtlicher, wie eine Vielzahl von Mendenern, die an diesem Tag einfach kamen und geholfen und mit angepackt haben. Mir kommen heute noch unfassbar viele Eindrücke und Bilder dieses Tages vor Augen und werden mir immer unvergesslich bleiben. Wer hatte eigentlich diese unglaublich tolle Idee, an diesem Tag frische Äpfel zu besorgen und auf den Willkommenstischen anzubieten?

Kein einziges hässliches Posting. Keine Parolen, nichts zerstört, eingeschmissen, umgeworfen. Stattdessen echte Willkommenskultur aus Hilfsbereitschaft, Barmherzigkeit und Nächstenliebe pur. Der einzelne Satz in der Westfalenpost, dass die Flüchtlinge ihre letzten Habseligkeiten nur in blauen Müllsäcken mit sich führten und es ihnen an Koffern fehle, führte dazu, dass wir eine Garage anmieten mussten, um den vielen Kofferspenden der Mendener auch räumlich gerecht zu werden. 

Nach diesem Tag hätten Sie, liebe Preisträgerinnen und Preisträger, alle wieder nach Hause gehen können. Die Flüchtlinge waren den Umständen entsprechend gut versorgt, sie hätten alles Weitere vor Ort den Mitarbeitern der Verwaltung überlassen können. Nein. Nicht Sie.

Sie haben vom ersten Tag an die Begegnung gesucht. Haben die Bedürfnisse dieser Menschen erfragt, erspürt, haben ihnen zugehört, wenn sie ihre Geschichten erzählt haben, Geschichten von unfassbarer Traurigkeit, von schrecklichsten Erlebnissen, von Verlust, von Zerstörung, Vertreibung, von Mord und Totschlag. Gefühlt Milliarden Kilometer weit weg und plötzlich ganz nah, ganz direkt vor Augen, unmittelbar fühlbar.

Sie haben vom ersten Tag an diese Menschen unterstützt. Haben ihren Alltag bereichert, für Beschäftigung und Abwechslung gesorgt. Sie sind mit ihnen kochen gefahren, haben zusammen Handarbeiten gemacht. Sie haben gebolzt, gespielt, gezockt mit den Kindern und den Erwachsenen. Sie haben ihnen das Alphabet gezeigt und ihnen die deutsche Sprache nähergebracht. Sie haben diesen Menschen Tagesablauf, Inhalt und Aufgaben gegeben, auch indem Sie diese Menschen selbst zu ehrenamtlichen Helfern ausgebildet haben, die wiederum neuen Ankömmlingen die ersten Schritte zeigen und sie in ihrer Muttersprache im Namen der Mendener willkommen heißen konnten.

Sie haben für Mobilität gesorgt, indem Sie Fahrräder beschafft und in der Fahrradwerkstatt mit den Flüchtlingen instandgesetzt haben. Sie haben Möbel beschafft und zusammen repariert. Sie haben sich so unfassbar gekümmert!

Irgendwann ging auch der Sommer 2015 zu Ende und es wurde herbstlich, nass und regnerisch. Der Schulhof wurde also als Begegnungsstätte immer ungeeigneter. Ein Dach über den Kopf musste her und ich kann mich noch erinnern, mit Ihnen in einem großen Zelt gesessen und mit Ihnen diskutiert zu haben, was als nächstes für Aktivitäten erfolgen müssten. Einer wollte den Flüchtlingen das Jonglieren beibringen, weiß ich noch ganz markant. In diesem Zelt jedenfalls entstand die Idee eines Kaffee- und Kuchen-Angebotes in den Nachmittagsstunden und in Zusammenarbeit mit der Caritas-Konferenz St. Maria Magdalena Menden Bösperde, dann seit dem 30.10. 2015 das Café Grenzenlos im Pfarrheim Bösperde. Ein Ort, der sich anbot, direkt gegenüber der Schule, gut erreichbar für die geflüchteten Menschen auf der anderen Seite der Straße, mit denen sie inzwischen zahlreiche enge persönliche Bindungen, sogar Freundschaften, geschlossen haben. 

Sie erinnern sich noch an meine Ausführungen zu Beginn? Anruf Herr Bollermann? Amtshilfeersuchen?

Ja, die Stadt Menden wurde gebeten, eine Erstaufnahmeeinrichtung einzurichten, für Menschen, die noch gar nicht registriert waren, die nicht mehr in den Landeseinrichtungen aufgenommen werden konnten, weil es dort zu voll war. Alle 150 Menschen in der Nikolaus-Groß-Grundschule hatten eins gemeinsam: Sie hatten ihr endgültiges Ziel noch nicht erreicht und ihr endgültiges Ziel würde nicht Menden sein. 

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, als nach etwa vier bis fünf Monaten der Tag des Abschieds kam. Ohne Vorwarnung. Von heute auf morgen, von jetzt auf gleich ging es nach Ibbenbüren, Billerbeck, Beckum, Langenberg, Nürnberg, Paderborn und Eisenhüttenstadt. Ich weiß, dass die Erinnerungen daran noch heute für viele von Ihnen sehr schmerzhaft sind. Die Nikolaus-Groß-Grundschule blieb noch einige Zeit Flüchtlingsunterkunft für Menschen, die Menden zugewiesen wurden, aber es waren eben andere und ich hatte große Sorgen, dass dieser plötzliche Bindungsverlust bei Ihnen demotivierend wirkt und Sie sich aus der Flüchtlingshilfe zurückziehen.

Nicht Sie.

Das Café Grenzenlos gab es noch bis zum August 2018. Dort fanden somit sehr viele Begegnungen, Gespräche und unzählige Hilfsangebote und Unterstützungen statt, bis diese Aufgabe einen zentraleren Standort benötigte, den Sie im „Alt Menden“, der ehemaligen Gaststätte an der Stadtmauer, fanden. Mit Unterstützung von Profis und Flüchtlingen haben Sie die Umbauarbeiten überwiegend eigenhändig durchgeführt und unendliche Arbeitsstunden ihrer Freizeit investiert. Am Weltfriedenstag 2018 wurde die Begegnungsstätte Treff Alt Menden eröffnet.

An diesem Ort vereinen Sie einen Mendener Pfahl „Poahl“ mit den vielfältigen Kulturen aus aller Welt. Dieser Ort ist offen für jedermann und jedefrau, für jedes Anliegen, jeden Wunsch und jedes Problem, die Menschen in einer fremden Welt haben und durch Sie erkannt und ausgeräumt werden konnten. Sie kochten gemeinsam, tanzten, spielten und musizierten, vermittelten neben der deutschen Sprache Alltagswissen, um den Menschen Orientierung, Halt und Bedeutung in dieser Stadt zu geben. 

Sie schenkten Menschen, die ihre Heimat auf traumatische und irreparable Weise verloren haben, ein Stück Heimat zurück, auch wenn es die Wurzeln dieser Menschen niemals wird ersetzen können. Sie fuhren mit ihnen nach Bonn ins Haus der Geschichte und vermittelten diesen Menschen damit so unendlich viel von dem, was unsere Heimat für uns in Deutschland aufgewachsene Menschen bedeutet.

Auch dies ist Sinn der Verleihung des Heimatpreises: dem Wort „Heimat“ seine ursprüngliche, aber auch seine globale Bedeutung zu geben, Heimat auf der einen Seite als Basis, als Fundament, als Wurzel und Herkunft zu empfinden und auf der anderen Seite offen zu sein: für neue Umgebungen, für Menschen aus anderen Kulturen, mit anderen Verhaltensweisen, Überzeugungen, Auffassungen und Wertemaßstäben. Und zwar auf beiden Seiten! 

Das leisten Sie, liebe Preisträgerinnen und Preisträger, vom ersten Tag an, an dem ich Sie kennengelernt habe, mit vollster Überzeugung, Leidenschaft und täglichem Engagement. Deshalb sind Sie mir so wichtig. Und deshalb habe ich mich unfassbar gefreut, dass Sie diesen Preis gewonnen haben und heute von mir dafür ausgezeichnet werden.

Ich darf Sie nun bitten, zu mir zu kommen und diese wohlverdiente Auszeichnung entgegenzunehmen.

Uwe Siemonsmeier, Beigeordneter der Stadt Menden


Treffpunkt für Mendener Alt- und Neubürger

Begegnungsstätte in „Alt-Menden“

Ein Ort der Begegnung zwischen Menschen, die in Menden wohnen, entsteht mit Hilfe vieler Ehrenamtlicher in Mendens Altstadt. Kurz nach Ostern soll die ehemalige Gaststätte „Alt Menden“ zu bestimmten Zeiten für Gespräche bei Kaffee oder Tee allen offenstehen, die an Kon­takten mit Menschen verschiedener Herkunft interessiert sind.

29. November 2017: Eine erste Besichtigung des Lokals an der Stadtmauer 33, das dem Initiativkreis „Treffpunkt“ als Begegnungsort angeboten worden ist. Die Interessierten verschaffen sich einen ersten Eindruck von den Räumlichkeiten. Von Seiten des Eigentümers war zugesichert worden, die notwen­digen Sanierungsarbeiten zeitnah durchführen zu lassen. Alle sind sich einig: Das kann unser Begeg­nungsort werden und wir wollen dazu beitragen, dass sich jeder dort wohlfühlen kann. Freiwillige melden sich für Putz- und Renovierungsarbeiten. Schon jetzt wird deutlich: Verständigung zwischen den so unterschiedlichen Mendenern ist sehr gut möglich. Schnell erfährt man etwas über die Natio­nalität, das private Leben, Zukunftspläne und vieles mehr.

Integration erwünscht

Eingliedern wollen sich die „Neuen“, teilhaben am gesellschaftlichen Leben. Dazu brauchen sie aus­reichende Kenntnisse der deutschen Sprache und Übung darin. Hier liegt ein Schwerpunkt des „Treff­punkts Alt Menden“: Ungezwungene Unterhal­tungen und Kontakte, aber auch unterrichtsartige Veranstaltungen sollen die Sprachfähigkeit fördern und unsere Kultur und Lebensgewohnheiten ver­mitteln.

Und was haben die Deutschen davon?

Sie lernen andere Kulturen aus erster Hand ken­nen, erfahren etwas über Gewohnheiten, Denkwei­sen und kulinarische Besonderheiten aus fernen Ländern und genießen letztere auch. Wer aufge­schlossen ist und eine erfüllende Aufgabe über­nehmen will, ist hier richtig.

Spiel, Spaß und Feiern

Alles andere als trocken und nüchtern sollen die­se Begegnungen sein. Gewünscht sind lebendige Zusammenkünfte mit gemeinsamen Aktionen. Das können Spiele oder Geschichten Erzählen sein, ge­meinsames Kochen, Basteln, Singen, Musizieren bis zu Festen aus den unterschiedlichen Kulturen.

Besondere Zielgruppen

Grundsätzlich soll der Treffpunkt als einfaches Caf an mehreren Nachmittagen geöffnet werden und allen Mendenern zur Verfügung stehen. Für Grup­pen, die besonders wenig Gelegenheit zu Außen­kontakten haben, soll er ein geschützter Ort der Begegnung und des Lernens sein, z.B. für Familien, insbesondere für Frauen mit kleinen Kindern. Denk­bar wäre auch eine Gruppe aus jungen Männern oder eine kulturell gemischte Seniorenrunde.

Hilfe erwünscht und erforderlich

Dieses Vorhaben ist von der Mitwirkung vieler Men­schen abhängig, die Gespräche mit Menschen ver­schiedener Herkunft führen oder Getränke und Knab-bereien anbieten möchten. Andere könnten sich mit kleinen Kindern beschäftigen, während ihre Mütter Deutsch lernen oder bei der Bewältigung von alltägli­chen Anforderungen und Problemen helfen. Viele Mendener sind bereits als Helfer tätig, die sich hier austauschen können. Das Rad muss nicht immer neu erfunden werden, Erfahrungen können weiterge­geben und dadurch auch Fehler vermieden werden. Eingedenk der Äußerung Jesu: „Was ihr einem von ihnen getan habt, das habt ihr mir getan“, ist dieser Aufruf im Besonderen an die Kirchengemeinden in unserer Stadt gerichtet, die vielfältige Erfahrungen mit dem Einsatz für „den Nächsten“ und mit dem Wachs­tum von „Senfkörnern“ im biblischen Sinn haben.

Von Marika Eggers, erschienen im SENFKORN 011 2018

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