Verzeichnis
- Informationtext
- Bildergalerie
- Aktion „Rose“
- Flüchtling aus der DDR 1950
- Unsere Flucht aus Thüringen und die Integration in Menden
Informationstext zur Flucht aus der DDR vor und nach dem Mauerbau 1961
Als die Errichtung der Berliner Mauer angekündigt und dann am 13. August 1961
begonnen wurde, gerieten viele Menschen in der DDR in Panik. Bis dahin war Berlin für
viele der letzte Weg in den Westen gewesen. Nun wurde diese Möglichkeit innerhalb
weniger Stunden und ohne Vorwarnung fast vollständig verschlossen. Für Familien,
Freundeskreise und Verlobte bedeutete das oft die plötzliche Trennung über
Nacht.[1][2]
Die Flucht aus der DDR war schon vor dem Mauerbau riskant, denn sie konnte als
„Republikflucht“ strafrechtlich verfolgt werden. Dennoch verließen bis August 1961
Millionen Menschen die DDR, weil sie politische Unfreiheit, wirtschaftliche Engpässe
und fehlende Zukunftschancen ablehnten. Gerade als sich die Nachrichten über die
Abriegelung verbreiteten, versuchten viele noch hastig, über Berlin in den Westen zu
gelangen — oft mit wenig Gepäck und unter großem Zeitdruck.[2][3]
Für manche kam die Nachricht vom Mauerbau zu spät. Züge, Straßen und
Grenzübergänge wurden plötzlich kontrolliert oder geschlossen, und wer nicht
rechtzeitig wegkam, musste bleiben. Aus der geplanten Flucht wurde für viele eine
erzwungene Lebensentscheidung: bleiben, sich anpassen oder später unter noch
gefährlicheren Bedingungen fliehen.[4][5]
Wieviele und ob Menschen zu der Zeit nach Menden gekommen sind, läßt nicht
feststellen.
Bildergalerie
Quellen:
[1] Fluchtbewegung | DDR kompakt | bpb.de https://www.bpb.de/themen/deutsche-teilung/ddr-kompakt/521542/fluchtbewegung/
[2] LeMO Kapitel: Flucht und Notaufnahme – Mauerbau https://www.hdg.de/lemo/kapitel/geteiltes-deutschland-gruenderjahre/mauerbau/flucht-und-notaufnahme.html
[3] Flucht aus der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR – Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Flucht_aus_der_Sowjetischen_Besatzungszone_und_der_DDR
[4] Mauerbau: Zwei DDR-Flüchtlinge erinnern sich an den 13. August … https://www.tip-berlin.de/stadtleben/geschichte/mauerbau-flucht-ddr-13-august-1961/
[5] Flucht aus der DDR: Geschichten von Risiko und Freiheit https://www.ndr.de/geschichte/schauplaetze/Flucht-aus-der-DDR-Geschichten-von-Risiko-und-Freiheit,flucht516.html
[6] Band 46: 1989 – Flucht aus der DDR und der Fall der Berliner Mauer https://www.geschkult.fu-berlin.de/e/tongilbu/publikationen/2016/band46/index.html
[7] Historischer Hintergrund: Geschichte von Flucht, Fluchthilfe … https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/dossiers/flucht-fluchthilfe-und-freikauf/geschichte
[8] „Ganz stark war das Gefühl: Aus dieser kleinen DDR kommst du nicht mehr raus“ https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2024/08/berlin-ddr-mauerbau-grenze-jahrestag-1961-flucht-helfer-interview.html
[9] — Gründe für die Flucht aus der DDR https://www.bpb.de/medien/34371/D3C7YY.pdf
[10] Republikflucht – Wikipedia https://en.wikipedia.org/wiki/Republikflucht
Autor: Heinrich Grote
Eine historische Chronik der Aktion „Rose“
Flüchtling aus der DDR
Unglaubliche 76 Jahre ist es her, dass der damals 18-Jährige nach seiner Lehre als Betriebsschlosser 1950 aus der DDR über die „grüne Grenze“ nach Westdeutschland flüchtete.
Damals hatte er schon einiges hinter sich: 1945 in Dresden ausgebombt, wurde er mit seiner Familie in die Lausitz evakuiert. Als die Ostfront näherkam, wechselte die Familie nach Stedten im Kreis Eisleben, wo die Großeltern lebten.
Er schmunzelt, als ich ihn frage, ob er allein geflüchtet sei. Eigentlich schon – denn den, mit dem er sich auf den Fluchtweg machte, kannte er gar nicht. Eine Verbindung bestand nur durch einen gemeinsamen Freund, mit dem der Unbekannte eigentlich flüchten wollte, der sich aber nun in einem Sanatorium aufhielt und keine Chance hatte, die Flucht anzutreten. Stattdessen empfahl er seinem Freund, E.H. aufzusuchen, von dem er durch Gespräche wusste, dass auch er längst Fluchtpläne hegte.
Diese beruhten auf den Erfahrungen, die der junge Mann in der DDR gemacht hatte: Politisch interessiert und CDU-nah, gleichzeitig in der katholischen Jugendarbeit aktiv, passte er nicht in das Schema, das die DDR-Führung für junge Bürger parat hatte. Man musste gute Miene zum bösen Spiel machen, also auch Mitglied der FDJ („Freie deutsche Jugend“) sein, aber eigentlich widerstrebte ihm das alles. Etwas mehr Freiheit hatte die Familie, weil der Großvater von den Russen aufgrund seiner politischen Ausrichtung und seiner aktiven Betätigung in der CDU 1946 in das ehemalige Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht wurde, wo er starb. Somit galt er als eine Art Märtyrer – wenn auch nicht gerade mit der „richtigen“ politischen Überzeugung.
Karlheinz, der Freund des Freundes, suchte E.H. an einem Tag im September 1950 auf und forderte ihn auf, sich statt des kranken Freundes mit ihm auf den Fluchtweg zu machen. Spontan entschlossen, packte E.H. seine Sachen, informierte seine Mutter, die aufgrund ihrer großen Angst vor den Russen einverstanden war und machte sich mit dem Fremden auf den Weg. Sie hatten genau ausgetüftelt, wo es über die Grenze gehen sollte und sie fuhren mit der Bahn nahe heran. Eine Station vor dem Grenzort Ilsenburg stiegen sie aus und setzten ihren Weg per Fahrrad und zu Fuß fort. Natürlich fielen sie auf und wurden von einem Grenzkriminalpolizisten festgenommen und inhaftiert. Bei Toilettengängen zu einem „Plumpsklo“ wurden sie mit einer Pistole im Rücken begleitet. Am nächsten Tag wurden die beiden jungen Männer einzeln verhört. Karlheinz als Westdeutscher wurde in den Westen abgeschoben, sein Fahrrad beschlagnahmt.
E.H. erzählte den Beamten, er wolle gar nicht in den Westen, sondern seinen Freund im Sanatorium besuchen, was man ihm natürlich nicht abnahm. Mit der Drohung, man werde ihn auf jeden Fall erwischen und nach Zahlung einer Ordnungsstrafe von 35 Ostmark wurde E.H. entlassen und machte sich tatsächlich auf den Weg zu seinem kranken Freund Peter. Ihn beauftragte er, seinen Rucksack an die Adresse von Karlheinz zu schicken, der in Bad Harzburg am Bahnhof auf ihn warten wollte.
Ohne Gepäck war E.H. natürlich unauffälliger, aber trotzdem musste er befürchten, bei seinem Fluchtversuch erwischt zu werden. Bedrohlich ragten Wachtürme aus dem Wald, durch den ihn sein Weg führte. Da er den Grenzverlauf nicht kannte, wusste er nicht, wann er den Westen erreicht hatte. Abwechselnd laufend und kriechend bahnte er sich seinen Weg durch das unbekannte Gelände, in dem hinter jedem Baum jemand lauern konnte, der ihn fassen würde. Irgendwann sah er ein Schild mit der Aufschrift „Britische Zone“ und fühlte sich gerettet. Doch da merkte er, dass er seine Brieftasche verloren hatte. Er hatte Glück: Wenige Meter auf dem Rückweg fand er sie, sodass er seine Papiere wieder hatte.
Im Bahnhof Harzburg traf er tatsächlich Karlheinz, nachdem er lange draußen gewartet hatte mit der Angst, das Gebäude zu betreten und von DDR-Leuten zurückverschleppt zu werden, was durchaus üblich war.
Gemeinsam mit Karlheinz kam er in dessen Heimat an, wo er ziemlich bald Arbeit bekam.
1963 heiratete er und lebte mit seiner Frau in deren Heimatort.
1968 zog er nach Menden, weil er eine Stelle als Betriebsleiter bei der Firma Klusendick an der Fröndenberger Straße bekommen hatte.
Auf meine Frage, ob er sich anfangs im Westen fremd gefühlt habe, lachte er und sagte, er habe sich sofort integrieren können. Einerseits sei dies durch seine berufliche Tätigkeit gelungen, andererseits durch alles, was er in der Freizeit machte: Er stand kurz nach seiner Ankunft bei einem Fußballverein im Tor, er schloss sich auch den Pfadfindern an. Zusätzlich trat er in einen Männerchor ein, spielte Querflöte im Spielmannszug und machte auch bei Theaterstücken mit. Man habe ihn von Anfang an akzeptiert und er habe jede Mundart gelernt, die an seinen verschiedenen Wohnorten gesprochen wurde.
Er bekam einen Flüchtlingsausweis Klasse B und im selben Jahr auch einen Personalausweis.
Ich empfand E.H. als ein Vorbild an positiver Lebenseinstellung. An mehreren Stellen in seinem Bericht sagte er, es sei nicht anders möglich gewesen, als mit „Augen zu und durch“ bedrohliche Situationen zu bewältigen. Alle schwierigen Ausgangsbedingungen hat er mit Mut und Zuversicht sowie mit Fröhlichkeit bezwungen. Seine Augen leuchten auch in seinem hohen Alter munter und unternehmungslustig.
Autorin: Marika Eggers
Unsere Flucht aus Thüringen und die Integration in Menden
Was ist passiert
Ein jähes Bremsenquietschen riss mich aus dem Schlaf. Dazu die Durchsage „Weiterreisende verlassen jetzt den Demokratischen Sektor Berlins“.
Aber gerade daran wollte man sie hindern.
Es war der 12. August 1961, 6 Uhr morgens. Wir saßen in einem Interzonenzug zur Ostsee. Hatten Hin- und Rückfahrt gebucht und ausschließlich Dinge dabei, wie man sie für einen Urlaub am Meer so braucht.
„Wir“ heißt ich als achtjähriger Junge mit meiner Schwester, meiner Mutter, Onkel und Tante und deren beiden Töchter. Mein Vater war ein Jahr zuvor an einem Gehirntumor verstorben.
Der Zug wurde auffällig genau kontrolliert, fast alle Passagiere – auch wir – mussten ihre Koffer öffnen und nachweislich angeben, was Grund und Ziel der Reise war. Viele mussten den Zug verlassen, der Bahnsteig wurde immer voller mit jungen Leuten, die völlig verzweifelt waren und geweint haben.
Einen Tag später, am 13. August 1961, unmittelbar vor Beginn des Mauerbaus, endeten diese Interzonenzüge auf DDR-Seite in Berlin Friedrichstraße, fuhren also nicht mehr nach oder durch Westberlin!
Die Vorgeschichte
Walter Ulbricht war als Erster Sekretär des Zentralkomitees der SED, also als der mächtigste Politiker der DDR, gerade von einem längeren Treffen mit Nikita Chruschtschow, dem Führer der Sowjetunion, zurückgekehrt mit der noch geheimen Absicht, eine Mauer um Westberlin zu bauen. In Anbetracht der täglich steigenden Flüchtlingszahlen (bis zu 2.000), hauptsächlich in der DDR ausgebildete junge Leute, hielt man das wohl für den einzig richtigen Weg, einen wirtschaftlichen Bankrott und damit das Ende der DDR abzuwenden.
Die Odyssee zum Ziel
Wir durften, so die damalige Streckenführung, über den Bahnhof Friedrichstraße Richtung Bahnhof Zoo weiterfahren, verließen dort den Zug und meldeten uns am Notaufnahmelager Marienfelde. Von dort aus ging es über diverse, meist völlig überlaufene Lager zum FH Tempelhof, wo wir auf unseren Flug nach Westdeutschland warteten, immer noch in der realen Angst, zurück in die Vergangenheit „entführt“ zu werden und – noch schlimmer – in Angst vor einem Übergriff Russlands auf das Territorium der drei Westsektoren Berlins. Beides hätte für unsere Eltern als Republikflüchtlinge Gefängnis bedeutet, für uns vier Kinder Waisenhaus mit Erziehung im Sinne des Sozialismus!
Gottseidank landeten wir in Hamburg und nach einem mehrwöchigen Aufenthalt in einem weißen Barackenlager in Uelzen kamen wir schließlich nach Unna/Massen, wo wir Kinder etwa ein halbes Jahr lang die Lagerschule besuchten. Integration war dort nicht möglich, ständiger Wechsel der „Insassen“ an der Tagesordnung.
Die Integration
Menden hieß uns dann „Am Galgenfeld“ willkommen, allerdings mussten wir uns eine sehr kleine Wohnung mit wildfremden Leuten teilen. In der West(!)schule fing für uns die Eingliederung an. Wir lernten „woll“ oder „wollnich“ statt „gell“, „Kurzer“ statt „Bub“, „Knaben“ statt „Jungen“, „Klümpkess“ statt „Bollchen“ und „dreiviertel Knickebocker“ statt „Lederhosen“ zu sagen.
Da wir in der DDR Schuljahreswechsel zu den Sommerferien und nicht zu Ostern hatten, waren wir den Klassenkameraden*innen mehr als ein halbes Jahr voraus, was nicht immer auf Gegenliebe traf. Ab und an mussten wir uns dann auch abschätzige Witze über Flüchtlinge anhören. Trotzdem haben wir alle dort die ersten Freundschaften geschlossen und uns an die „Großstadt“ gewöhnt. Wir kamen aus einer 5.000-Seelen Gemeinde in Thüringen.
Einmal sollten wir einen Aufsatz schreiben:
„Menden, meine Heimatstadt“. Habe mich gemeldet und gesagt, dass das für mich nicht stimme. Der Anordnung des Lehrers „Du tust jetzt mal so…“ musste ich dann aber folgen.
Habe geschrieben über das, was mich am meisten beeindruckte: die grenzenlose Freiheit und Offenheit, die Verfügbarkeit leckerer Bananen und Apfelsinen oder eines Eises – ohne Schlange stehen zu müssen, die Leitmecke, das Blumendreieck und die Rollschuhfabrik am Bahnhof, meine Heilige Erstkommunion in der Walburgiskirche und die Pfingstkirmes.
Die Integration war für unsere Mutter, eine Witwe mit zwei Schulkindern, am schwierigsten. Sie hat erst 15 Jahre später wieder geheiratet. Mein Onkel, meine Schwester und die beiden Cousinen knüpften viele neue Kontakte in der Firma oder während ihrer Berufsausbildung. Tante und Onkel taten dieses zusätzlich über ihre später noch geborenen Sprösslinge.
Für mich war der Wechsel zum Walram-Gymnasium sehr förderlich, kamen dort doch viele Mitschüler „von weit her“, z.B. aus Balve, Neuenrade oder Altenaffeln.
Und alle suchten neue Freunde.
Nach meinem Grundwehrdienst und meinem Studium in Hannover habe ich eine Mendenerin geheiratet – mehr Integration geht nicht!
Die Heimat
Unsere Thüringer Verwandtschaft und unsere Freunde von dort haben wir immer sehr vermisst, konnten uns doch nur die zwei noch einigermaßen gesunden Großeltern besuchen.
Oma und Opa väterlicherseits habe ich nie wieder gesehen. Meinen Schulfreund, dem ich vorher nichts sagen durfte, habe ich erst nach 20 Jahren wiedergetroffen.
Der Grund
Und zum Schluss noch etwas ganz Wichtiges:
Warum haben wir eigentlich „weggemacht“, wie man damals gesagt hat?
Der Staatssicherheitsdienst der DDR, die Stasi, wurde immer perfider im Ausfragen und Ausspionieren seiner Bürger, sogar der Kinder! So erkundigte man sich wie nebenbei, ob man „Onkel Otto“ (eine Zeichentrickfigur, die zwischen den Werbespots in meist lustigen Szenen auftrat) kannte bzw. schon mal gesehen hatte. Das hieße nämlich, dass Westfernsehen geschaut wurde, Hessischer Rundfunk, direkt vor der Tagesschau!
Keiner konnte keinem mehr trauen, jeder noch so scheinbar nette Mensch im Bekanntenkreis konnte ein Spitzel sein, der beiläufig oder auch provokativ nach der Meinung zu politischen Themen fragte und dann Berichte für die Stasi verfasste. Auch z. B. Lehrer und Personen mit Personalverantwortung waren gehalten, die Familien bezüglich ihrer Überzeugung auszuhorchen und einzuordnen. War man erstmal in Ungnade gefallen, konnte das gravierende berufliche und sehr persönliche Folgen haben.
Karriere, bzw. ein unbehelligtes Weiterkommen war ohne Parteibuch kaum denkbar.
Meine drei Jahre ältere Schwester war längst bei den Jungen Pionieren, eine der FDJ angegliederte Massenorganisation für Kinder, der fast jeder Schüler angehörte. Dort wurde nach sowjetischem Vorbild das Kollektiv in den Vordergrund gestellt und die sozialistische Erziehung z. T. spielerisch perfektioniert.
Eine Mitgliedschaft abzulehnen, war praktisch nicht möglich, ich sollte im Dezember 1961 beitreten, so wie es fast alle meine Klassenkameraden bereits getan hatten.
Im erzkatholischen Eichsfeld hatte die Kirche damals noch eine geachtete Position, die berechtigte Frage war aber: Wie lange würde diese Konkurrenz noch geduldet?
Autor: E. F.



