Verzeichnis:
- Flucht und Vertreibung
- Vertrieben aus Schlesien A.A. und K.M.
- Erfahrungsbericht des Vertriebenen G.H. aus Oberschlesien
- Bericht über Uwe Thews aus Ostpreußen
Flucht und Vertreibung
Stellen wir uns vor: Wir müssen unsere Heimat in 24 Stunden verlassen und dürfen nur Handgepäck mitnehmen. Eine kaum lösbare Aufgabe. Aber genau das mussten Flüchtlinge und Vertriebene mit Ende des 2. Weltkrieges leisten.
Man kann nur ahnen, was es bedeutet hat, die vertraute Wohnung, das Haus, den Ort, ja auch die geliebten Haustiere verlassen zu müssen. Dazu gezwungen waren viele, weil entweder die russische Armee im Osten vorrückte oder weil sie nach Kriegsende offiziell dazu aufgefordert wurden – wegen der von den Siegermächten beschlossenen Westverschiebung Polens.


Mehr als 16 Millionen Menschen, also in etwa die heutige Einwohnerzahl Nordrhein-Westfalens, mussten ihre Heimat verlassen. Erschütternd durch das Leid, das erfahren wurde, und ergreifend durch das menschliche Drama berühren die Berichte von dieser Flucht noch heute. Wie viele Menschen dabei ihr Leben verloren, ist nicht erfasst worden. Ältere Schätzungen gehen von 2 Millionen, neuere von etwas über einer halben Million aus. Ungefähr 9 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene gelangten schließlich in die Westzonen – hauptsächlich in der Zeit von 1945 bis 1947. NRW (damals noch britische Besatzungszone) nahm nach Niedersachsen und Bayern einen Großteil der Flüchtlinge und Vertriebenen auf.
Spätestens 1953 setzte eine weitere Fluchtbewegung ein: die Flucht von fast 4 Millionen Bürgern aus der ehemaligen DDR, die dem kommunistischen Zwangssystem und besonders der Kollektivierung der Landwirtschaft entkommen wollten. Die Befragung eines Zeitzeugen, der 1955 17 Jahre alt war, zeigte, dass ggf. auch schon die bevorstehende Musterung zur Nationalen Volksarmee verbunden mit Umbrüchen im privaten Umfeld reichte, das Land zu verlassen, da die Flucht über Berlin damals noch leicht möglich war. Diese Zuwanderung, die bis zum Mauerbau 1961 anhielt, brachte geschätzt etwa 1.000 bis 1.600 Personen nach Menden – in einer Zeit, in der schon die allergrößte Not überwunden war. 1945 waren dagegen in zwei Jahren ca. 2.500 Heimatlose unterzubringen – in einer Stadt, die um die 20.000 Einwohner hatte und noch unter den Folgen des Krieges litt. Bedenkt man noch die Besatzungssoldaten und die ehemaligen Zwangsarbeiter, die sich als sogenannte Displaced Persons hier aufhielten, so belief sich die Zahl insgesamt auf etwa 7.000 Menschen, die hinzugekommen waren. Die britische Militärregierung sah angesichts der gewaltigen Zerstörungen im Ruhrgebiet zuerst kaum eine andere Möglichkeit als eine schwerpunktmäßige Verteilung der Heimatvertriebenen auf die ländlichen Gebiete des Sauerlandes. Diese waren weniger stark zerstört, zudem konnten Baracken und ggf. ehemalige Kasernen als Wohnraum genutzt werden. Darüber hinaus suchte die Landwirtschaft Arbeitskräfte.
Sprachen sachliche Notwendigkeiten für das Sauerland, so gab es aber auch einzelne Personen, denen die Aufnahme hier in Menden ein Herzensanliegen war, bekannt ist z.B. Pater Alker (Pater-Alker-Weg), der selbst aus Schlesien stammte.
Klar ist, dass die Eingliederung einer so hohen Anzahl von Heimatlosen für Menden eine große Herausforderung war, die nur unter Zuhilfenahme von Notunterkünften (Jugendherberge, Wilhelmshöhe), Wirtshaussälen und Baracken (z.B. in der Horlecke oder an der Fröndenberger Str.), aber auch durch Zwangszuweisung in privaten Wohnraum zu lösen war.
Mehr und mehr erschlossen wurde dann das Rauherfeld und vor allem die Platte Heide zur Ansiedlung der Heimatvertriebenen. Gefördert wurde das durch das Lastenausgleichsgesetz von 1952; mit günstigen Krediten konnte ein Grundstück erworben werden, das auch zur Selbstversorgung dienen konnte. Heute zeugen noch etliche Straßennamen von dieser Zeit, wie zum Beispiel die Danziger Straße oder Westpreußenstraße. Auch der Bau der St. Marienkirche und des Paul-Gerhardt-Hauses auf der Platten Heide erklären sich über den Zuzug. Ähnliches gilt für die damals noch selbstständige Gemeinde Lendringsen, sie wurde ebenfalls für zahlreiche Heimatlose eine Heimstatt, so weist die Bezeichnung Waldenburger Straße auf eine Stadt in Schlesien hin.
In der unmittelbaren Nachkriegszeit war die große Mehrheit der einheimischen Bevölkerung wohl eher skeptisch gegenüber der hohen Zahl an Neuankömmlingen, zumal die Zwangszuweisungen sehr unbeliebt waren. Dennoch gelang die Integration recht schnell, nach 2 Jahren hatten schon 40% der Vertriebenen Arbeit, nach 7 Jahren 90 % und 60 % hatten eine Wohnung.
Was hat diese Entwicklung beschleunigt? Neben der gleichen Sprache waren es sicher auch kulturelle und religiöse Gemeinsamkeiten, die die Eingliederung erleichterten. Hinzu kam der schnell wachsende Bedarf an möglichst gut ausgebildeten Arbeitskräften für den Wiederaufbau. Ein Beispiel ist in Menden das Nylon-Strumpfwerk Opal, das ab 1949 gerne Strumpfwirker aus dem Osten, z.B. aus dem Raum Lodz, beschäftigte und am Gollacksplatz Werkswohnungen errichtete, aber auch die mittelständische Metallindustrie, die für den Nachkriegsbedarf produzierte. Mitunter mussten die zugewanderten Arbeitskräfte allerdings hinnehmen, dass sie unter ihrer Qualifikation eingesetzt wurden.
Ähnliche Einschränkungen sind bei der kulturellen und religiösen Gemeinsamkeit zu machen. Geschätzt 40% der Zuwanderer waren evangelisch, Menden dagegen zu fast 80% katholisch, was in dieser Zeit durchaus ein Hindernis für das Zusammenwachsen darstellen konnte. Hierzu gibt es allerdings unterschiedliche Aussagen von Zeitzeugen, deren Familie aus dem Osten zugezogen sind. Die einen haben, obschon evangelisch, keine Diskriminierungen hier erlebt, da ja z.B. die Lehrer in der Volksschule oft auch selbst zugewandert gewesen seien. Andere fühlten sich durchaus diskriminiert und ausgeschlossen, was z.B. am Arbeitsplatz dazu geführt habe, dass aus Not eine Zwangsallianz mit dem/der einzigen weiteren evangelischen Mitarbeiter/in geschlossen worden ist. Bemerkenswert sind natürlich auch Fälle, bei denen die unterrichtende Lehrkraft, die katholische Schülerin davor warnte, sich all zu eng auf eine Freundschaft mit einer evangelischen Klassenkameradin einzulassen, ohne dass diese Ermahnung allerdings Erfolg gehabt hätte.
Auf der anderen Seite finden sich auch bei protestantischen Zuwanderern Hinweise, dass sie lieber eine (Heirat-) Verbindung ihrer Kinder mit gleichkonfessionellen Partner sahen als mit Katholiken.
Unabhängig von der Konfession hielten sich in Menden noch bis in die 70er Jahren Vorurteile gegenüber den Siedlern auf der Platten Heide. Erzählt wird, dass sie bis in diese Zeit oft z.B. „Polaken“ gerufen wurden.
Ein Indikator für die wachsende Integration ist die Tatsache, dass etwa ab Mitte der 60er Jahre auch in Menden die Rückkehr der ehemals Vertriebenen in ihre alte Heimat kein politisch relevantes Thema mehr war und die Vorurteile auf der Seite der Einheimischen mehr und mehr schwanden. Dazu trug die Arbeit der Kirchen wie der Vereine bei. Auf der Platten Heide wurden z.B. ein Schützen-, aber auch ein Sportverein gegründet. Der Vereinsname „VfL Menden Platte Heide 1954/60“ verweist auf seine Gründungszeit: Wie sehr der Sport, insbesondere der Fußball, die Integration förderte (und fördert), belegt auch ein Zeitzeuge, der guter Fußballer war und daher kein Problem hatte, einen Verein zu finden: „Die Kontakte ergaben sich von alleine.“ Der „Schützenverein 1959 e.V. Menden Platte Heide“ wiederum nimmt mit seiner Vereinsfahne Bezug auf Wilhelm Tell als Einiger der Schweiz: Sie soll laut Homepage des Vereins auf das „Zusammenwachsen der Bürger“ hinweisen, das der Verein in diesem so unterschiedlich geprägten Stadtteil fördern möchte.
Sieht man auf die Integration von Flüchtlingen in anderen Teilen der Welt, so kann sich Deutschland glücklich schätzen, dass die Entwicklung so weitgehend reibungslos verlaufen ist, auch wenn insbesondere die Heimatvertriebenen gewaltige Lasten tragen mussten.
Der Beitrag stützt sich auf u.a. auf
- Erinnerungsliteratur (z.B. H. Schäfer: Gefühle waren nicht mehr da)
- C.P. Levermann: So war es früher
- Verwaltungsberichte der Stadt Menden 1950-1954
- einzelne Zeitzeugen: U.W., D.P. (Lodz), C.S., FF (Bitterfeld)
- Homepage des „Schützenvereins 1959 e.V. Menden Platte Heide“
- Berichte über Schlesier, Ostpreußen
- und bei einigen Zahlenangaben auf KI
Autor: Herbert Heinrichs
Vertrieben aus Schlesien: A.A. (geb. 1926) und K.M. (geb. 1933)
K. M.: Wir, A.A. und K.M., stammen aus einer großen Familie mit sieben Kindern, die bis 1946 in Salzbrunn, Schlesien, gelebt hat. Wir hatten ein schönes großes Haus, viel Land und unser Vater hatte einen gutlaufenden Schreinerbetrieb.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Schlesien Polen zugeschlagen und wir wurden 1946 aus unserer Heimat vertrieben. Fünf Minuten gab man uns, um unser Haus zu verlassen.
In Viehwaggons wurden wir in Richtung Westen gebracht. Wir Kinder saßen auf einem Strohhaufen, unter dem wir zwei Koffer versteckt hielten.
A.A.: Zunächst kamen wir nach Riesenbeck bei Ibbenbüren im Münsterland unter und suchten Arbeit. Da es überall an Arbeitskräften mangelte, insbesondere weil viele Männer als Soldaten gefallen oder in Gefangenschaft geraten waren, wurden wir gebraucht. Ich als junge Frau musste auf verschiedenen Bauernhöfen arbeiten, wohin ich mit dem Lastwagen gebracht wurde.
1950 kam ich nach Menden, wo sich schon einige Familienmitglieder befanden.
K.M.: Ich hatte in Schlesien die Schule nicht abschließen können und musste deshalb in meiner neuen Heimat noch eine Klasse absolvieren. Auch meine Konfirmation fand bereits in Westdeutschland statt. Nach der Schule wollte ich so schnell wie möglich arbeiten. Mein Vater besorgte mir eine Arbeit in der Firma Scholand als Maurer. Mir war alles recht, Hauptsache, ich konnte Geld verdienen und damit meiner Familie helfen.
Leider ging die Firma nach zwei Jahren in Konkurs und so musste ich mir etwas anderes suchen. Das Arbeitsamt vermittelte mir eine Arbeit als Schleifer.
Eines Tages heuerte mich eine Firma an, die Bäume fällte. Man hatte mich beobachtet und festgestellt, dass ich in der Lage war, schwer zu arbeiten. Als ich jedoch bei dieser Arbeit einen Unfall hatte, bei dem ich beinahe ein Bein verloren hätte, sattelte ich wieder um. Damals war es sehr einfach, eine Arbeitsstelle zu finden. Man konnte an einem Tag kündigen und am nächsten Tag mit einer neuen Arbeit anfangen.
A.A.: Ich fand Arbeit in der Strumpffabrik (Opal), wo ich nur eine andere evangelische Kollegin hatte. Damals hatte die Konfession noch eine große Bedeutung. Wir Protestanten gehörten im katholischen Menden zur Minderheit und bekamen das auch zu spüren. Wir hatten das Gefühl, nicht so richtig dazuzugehören. Als evangelische Zugezogene mussten wir deshalb zusammenhalten.
K.M.: Zusammenhalt gab es auch unter den einzelnen Landsmannschaften. Wir gehörten zum Verein der Schlesier und trafen uns regelmäßig, feierten miteinander, sangen unter Begleitung verschiedener Instrumente und führten im Hof unseres Hauses unsere Volkstänze auf.



Die Fotos zeigen die Schlesiertreffen im Haushof von Frau A., die auch die Frauenhilfe des Paul-Gerhardt-Hauses leitete.
Inzwischen hatte unser Vater ein Haus bauen lassen, das demjenigen glich, das wir in Salzbrunn bewohnt hatten. Die Pläne dazu hatte er versteckt mit sich geführt. Dadurch und durch den Zusammenhalt der Schlesier bekamen wir ein bisschen Heimatgefühl.
A.A.: Unsere Integration stand auf vier Säulen: Erstens auf dem Zusammenhalt in der Gemeinschaft der Menschen mit einem ähnlichen Schicksal, insbesondere mit den Schlesiern, aber auch mit Angehörigen der anderen Landsmannschaften, z.B. Ostpreußen und Pommern, zweitens auf unserer Arbeit und der Möglichkeit, unseren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, drittens auf der Zugehörigkeit zur evangelischen Gemeinde auf Platte-Heide, in der besonders ich mich in großem Maße engagierte und viertens auf Heirat und Gründung unserer eigenen Familien.
Obwohl wir eine neue Heimat gefunden hatten, in die wir allmählich vollständig hineinwuchsen, blieb die Sehnsucht nach unserem eigentlichen Zuhause, aus dem wir so jäh vertrieben worden waren. Besuche in der alten Heimat erlebte ich mit sehr gemischten Gefühlen. Was mir hier in Menden etwas fehlt, ist der enge Zusammenhalt der Nachbarschaft. Man kennt sich und grüßt sich, weiß vielleicht auch einiges voneinander, aber es gibt nur ganz wenige Menschen, mit denen man eng verbunden ist. Das war in unserer schlesischen Heimat anders.
Autorin: Interview geführt von Marika Eggers
Erfahrungsbericht des Vertriebenen G.H. aus Oberschlesien
G.H. stammt aus dem heutigen Zabrze in Polen, das früher „Hindenburg“ hieß und eine Stadt in Oberschlesien war. Er wurde dort 1932 geboren und musste mit seiner Mutter und seiner drei Jahre jüngeren Schwester im Januar 1945 aus seiner Heimatstadt fliehen, kurz bevor die russische Armee das Gebiet besetzte. Sein Vater war im Krieg gefallen.
In Lendringsen gab es eine Halbschwester seiner Mutter und deshalb wurde dieser Ort von ihr angesteuert. Am 26. 1. 1945 kam die Familie als erste Flüchtlinge in Lendringsen an. Warum sie da seien, fragte seine Tante: Was wollt ihr hier? Euch hätte doch der Russe nichts getan!“
So sah kein Willkommensempfang aus, aber das wundert G.H. heute nicht, waren doch auch die einheimischen Familien aufgrund der Kriegsgeschehnisse richtig arm und hatten Mühe, Raum und Ressourcen mit Flüchtlingen zu teilen.
In den ersten Tagen lebten sie in einem der beiden Zimmer seiner Tante und deren Familie, dann bekamen sie ein kleines Zimmer in einer kleinen Wohnung zugewiesen. Sie mussten alle drei in einem Bett schlafen. Besser wurde es später bei der Familie Brauckmann, wo sie ein großes Zimmer bekamen, in das sie zwei Feldbetten zusammen hinstellen konnten. Das Stroh für die beiden Strohsäcke, auf denen sie lagen, bekamen sie vom Bauern Schulte-Hense: ein Bündel für zwei Strohsäcke. Zugedeckt haben sie sich mit einer Pferdedecke und Mänteln.
Das Heizen des Kanonenofens war ohne Kohle schwierig. Eine Gärtnerei konnte angeblich nichts von ihrem Koks abgeben, der Besitzer bot der Mutter aber an, nachts heimlich etwas Koks aus seinem Vorrat zu holen.
G.H. hatte in seiner Heimat die 7. Klasse seiner Schule besucht, als er die Stadt verlassen musste. Eigentlich hätte er in Lendringsen ebenfalls in die 7. Klasse eingeschult werden sollen, aber der Schulrektor entschied es anders. Er wollte dem Jungen den weiten Schulweg nach Oberrödinghausen, wohin diese Klasse ausgegliedert worden war, nicht zumuten und verfügte, dass er die 8. Klassenstufe besuchen sollte. Diese befand sich nämlich in der Nähe: im Keller der evangelischen Christuskirche.
Am 14 .4. 1945 kamen die Amerikaner nach Menden und Lendringsen, bevor Deutschland am 8. Mai kapitulierte. Danach fand monatelang keine Schule statt. Erst im Oktober ging es mit dem Schulbesuch weiter. Da es nach einem Jahr keine Ausbildungsplätze gab, durften die Schüler noch ein Jahr länger in der Schule bleiben, was G.H. als Glück empfand, war er dadurch doch schon 14 Jahre alt, als er mit seiner Bäckerlehre begann. Damals war die Lehre kein Vergnügen, G.H. bezeichnet sie als „Sklavendasein“.
Ab Herbst 1945 wurden zahlreiche Vertriebene in Viehwaggons transportiert und in Hemer im Stalag-5-Lager, dem ehemaligen Kriegsgefangenenlager, untergebracht.
Seine spätere Schwiegermutter war mit drei kleinen Kindern elf Monate unterwegs, bevor sie in Lendringsen ankam und mit ihrer Familie bei den von Dückers auf Rödinghausen unterkam, denn als Bauerntochter war sie für die Landwirtschaft gut zu gebrauchen.
Wie schwierig die Ernährungssituation nach dem Krieg war, wird deutlich, als G.H. erzählt, dass er 1946 acht Wochen wegen starker Unterernährung im Vincenz-Krankenhaus lag, wo ihn die Ordensschwestern wieder aufpäppelten.
Auf die Frage, ob die Vertriebenen und Geflüchteten von der einheimischen Bevölkerung freundlich aufgenommen wurden, erzählt G.H., wenige hätten sie unterstützt, in größerem Umfang kam Hilfe von Menschen in der gleichen Lage. So hatten sich mehrere Kriegerwitwen aus den deutschen Ostgebieten zusammengetan und halfen sich gegenseitig. Sie wurden von einigen Einheimischen wenig liebevoll „Polacken“ genannt, obwohl sie Deutsche waren und meist nicht einmal die polnische Sprache beherrschten. (In vielen deutschen Familien in Oberschlesien war es verboten, polnisch zu sprechen. So auch in G.H.‘s Familie.) Der in der Nachkriegszeit gegründete VDK, der Verein der Kriegshinterbliebenen, war eine wichtige Stütze für die Flüchtlinge.
Bei der Integration spielte auch die Kirche eine tragende Rolle. G.H. wurde Mitglied in einer katholischen Jugendgruppe, wo u.a. für Flüchtlinge gebastelt wurde.
Auch später betätigte er sich, wie auch seine Frau, aktiv in der Kirchengemeinde, besonders in der Paulusgemeinde, nachdem seine Familie nach Menden gezogen war. In der Pauluskirche steht eine Krippe, die er zusammen mit seiner Frau und einigen anderen Gemeindemitgliedern erstellt hat.
An dem Menden-Modell im Rathaus hat er mitgearbeitet. Drei Jahre dauerte dieses große Projekt. Nicht nur daran kann man erkennen, wie sehr er sich für Menden interessiert. In seinem Treppenhaus hängen zahlreiche Zeichnungen von alten Mendener Häusern, besonders von Fachwerkhäusern. Menden ist seine zweite Heimat geworden, wenn er auch seine Geburtsstadt noch als eigentliche Heimatstadt empfindet.
Allerdings bildete diese für seine Vorfahren auch eine zweite Heimat: Mit dem ursprünglichen Namen Czuday lebten sie in Ungarn, bis sie im 18. Jahrhundert nach Oberschlesien kamen. Denn dort gab es viele Arbeitsplätze aufgrund der beginnenden Industrialisierung. Das Land war reich an Bodenschätzen, z.B. Eisen, Silber, Kohle und so konnte man auch Menschen aus dem Ausland sehr gut gebrauchen. Bald fühlten sich die Czudays als Deutsche und G.H.‘s Vater nahm 1940 einen deutschen Namen an.
Autorin: Marika Eggers
Bericht über Uwe Thews aus Ostpreußen, Jg. 1942
Uwe Thews war noch keine drei Jahre alt, als seine Mutter mit ihm und seiner wenige Wochen alten Schwester aus Ostpreußen flüchtete, gerade noch rechtzeitig, bevor die Sowjets Ostpreußen besetzten. Uwes Mutter startete mit den beiden kleinen Kindern von Berlin aus mit dem Güterzug nach Westdeutschland. Daran hat der heute 82-Jährige noch eine eigene Erinnerung: Ein Bahnbeamter half seiner Mutter, den Kinderwagen über die zahlreichen Schienen im Schwerter Bahnhof zu tragen.
Dass die kleine Familie von Berlin aus nach Schwerte startete, beruhte auf zwei Faktoren: Zum einen gab es Verwandte in Berlin und so konnten sie trotz eines Verbots, aus Ostpreußen auszuwandern, diese auch während des Krieges besuchen. Bei ihrem letzten Besuch kehrte die Mutter mit ihren Kindern nicht zurück, während der Vater noch bei der Armee war.
Der zweite Faktor war die Warnung eines Freundes, der erkannte, dass der Zweite Weltkrieg von den Deutschen verloren werden würde. Er bot Uwes Vater an, im Falle einer notwendigen Flucht aus der Heimat sein eigenes Elternhaus in Schwerte anzusteuern.
Tatsächlich konnten sie zunächst bei der Familie des Freundes in Schwerte unterkommen, bevor sie die Engländer, die inzwischen den Nordwesten Deutschlands besetzt hatten, dem Dorf Bösperde zuwiesen.
Uwe Thews hatte Glück, dass er noch als kleiner Junge nach Bösperde und später nach Menden kam, denn durch Schulbesuch und Freundschaften mit anderen Jungen konnte er sich leicht eingliedern. Auch durch den Sport als Leichtathlet gewann er tragfähige Kontakte. Das gelang der gesamten Familie gut, nachdem der Vater dazugekommen war, sich zusätzlich zu seiner Ausbildung als Volksschullehrer zum Realschullehrer ausbilden ließ und an der Mendener Realschule angestellt wurde.
Er kann sich nicht daran erinnern, dass seine Eltern einer Landsmannschaft angehörten. Sie waren offensichtlich schnell Teil der Mendener Gesellschaft. Durch die vielen protestantischen Flüchtlinge war es auch nicht mehr schwierig, als Evangelische in Menden Fuß zu fassen. In Bösperde freundeten sie sich mit dem evangelischen Pfarrer Liebich, der aus Schlesien stammte, an und wohnten eine Zeitlang gemeinsam mit ihm in einem Haus. Auch im Stadtteil Platte-Heide, wo die Familie später ein Haus baute, gab es viele evangelische Christen und ein aktives Gemeindeleben.
Außerdem hatte sein Vater Hobbys, die ihn schnell Kontakt zu Gleichgesinnten finden ließen: die Jagd und der Doppelkopf. Freundschaften mit Kollegen bezogen auch die Familien ein.
Aus Erzählungen seines Vaters weiß Uwe Thews, dass seine Vorfahren schon eine Migrationsgeschichte hinter sich hatten: Als Protestanten wurden sie unter der schottischen Königin Maria Stuart wegen ihres Glaubens vertrieben und siedelten sich auf dem gesamten Erdball an, einige kamen sogar bis nach Australien. Andere gelangten nach Ostpreußen.
Über den Namen „Thews“ erzählte Uwes Vater eine Anekdote:
Ursprünglich hießen sie „Matthews“, aber da die Schotten nicht nur sprichwörtlich sparsam waren, sondern unerreicht geizig, verfielen sie darauf, die erste Silbe ihres ursprünglichen Namens zu streichen, um Tinte zu sparen. Auf diese Weise sei der Familienname „Thews“ entstanden. An dieser Geschichte kann man erkennen, dass die Thews auch nach dem Verlust ihrer Heimat ihren Humor nicht verloren hatten.
Uwe Thews hat jedoch nicht nur schottische Wurzeln, sondern auch polnische. So erzählt er, dass die polnischen Geburtsnamen seiner Großmütter (Schwiderski und Polkowski) auf die große Pest zu Beginn des 18. Jahrhunderts zurückzuführen sei, welche die Bevölkerung Masurens so stark dezimiert hat, dass die Landwirtschaft darniederlag. Den Hungertod vor Augen, warben die Verbliebenen aus den südlich gelegenen polnischen Landstrichen Zuwanderer aus dem polnischen Landadel an. Die Neubürger bewirtschafteten das Land, das sie zuvor gekauft hatten.
Autorin: Marika Eggers
