Vertriebene aus Ostgebiete

Flucht und Vertreibung 

Stellen wir uns vor: Wir müssen unsere Heimat in 24 Stunden verlassen und dürfen nur Handgepäck mitnehmen. Eine kaum lösbare Aufgabe. Aber genau das mussten Flüchtlinge und Vertriebene mit Ende des 2. Weltkrieges leisten. 

Man kann nur ahnen, was es bedeutet hat, die vertraute Wohnung, das Haus, den Ort, ja auch die geliebten Haustiere verlassen zu müssen. Dazu gezwungen waren viele, weil entweder die russische Armee im Osten vorrückte oder weil sie nach Kriegsende offiziell dazu aufgefordert wurden – wegen der von den Siegermächten beschlossenen Westverschiebung Polens.

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Mehr als 16 Millionen Menschen, also in etwa die heutige Einwohnerzahl Nordrhein-Westfalens, mussten ihre Heimat verlassen. Erschütternd durch das Leid, das erfahren wurde, und ergreifend durch das menschliche Drama berühren die Berichte von dieser Flucht noch heute. Wie viele Menschen dabei ihr Leben verloren, ist nicht erfasst worden. Ältere Schätzungen gehen von 2 Millionen, neuere von etwas über einer halben Million aus. Ungefähr 9 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene gelangten schließlich in die Westzonen – hauptsächlich in der Zeit von 1945 bis 1947. NRW (damals noch britische Besatzungszone) nahm nach Niedersachsen und Bayern einen Großteil der Flüchtlinge und Vertriebenen auf.

Spätestens 1953 setzte eine weitere Fluchtbewegung ein:  die Flucht von fast 4 Millionen Bürgern aus der ehemaligen DDR, die dem kommunistischen Zwangssystem und besonders der Kollektivierung der Landwirtschaft entkommen wollten. Die Befragung eines Zeitzeugen, der 1955 17 war, zeigte, dass ggf. auch schon die bevorstehende Musterung zur Nationalen Volksarmee verbunden mit Umbrüchen im privaten Umfeld reichte, das Land zu verlassen, da die Flucht über Berlin damals noch leicht möglich war. Diese Zuwanderung, die bis zum Mauerbau 1961 anhielt,  brachte geschätzt etwa 1.000 bis 1.600 Personen nach Menden –  in einer Zeit, in der schon die allergrößte Not überwunden war. 1945 waren dagegen in zwei Jahren ca. 2.500  Heimatlose unterzubringen – in einer Stadt, die um die 20.000 Einwohner  hatte und noch unter den Folgen des Krieges litt. Bedenkt man noch die Besatzungssoldaten und die ehemaligen Zwangsarbeiter, die sich als sogenannte Displaced Persons hier aufhielten, so belief sich die Zahl insgesamt auf etwa 7.000 Menschen, die hinzugekommen waren. Die britische Militärregierung sah angesichts der gewaltigen  Zerstörungen im Ruhrgebiet zuerst kaum eine andere Möglichkeit als  eine schwerpunktmäßige Verteilung der Heimatvertriebenen auf die ländlichen Gebiete des Sauerlandes. Diese waren weniger stark zerstört, zudem konnten Baracken und ggf. ehemalige Kasernen als Wohnraum genutzt werden. Darüber hinaus suchte die Landwirtschaft  Arbeitskräfte. 

Sprachen  sachliche Notwendigkeiten für das Sauerland, so gab es aber auch einzelne Personen, denen die Aufnahme hier in Menden ein Herzensanliegen war, bekannt ist z.B. Pater Alker (Pater-Alker-Weg), der selbst aus Schlesien stammte.

Klar ist, dass die Eingliederung einer so hohen Anzahl von Heimatlosen für Menden eine große Herausforderung war, die nur unter Zuhilfenahme von Notunterkünften (Jugendherberge, Wilhelmshöhe), Wirtshaussälen und Baracken (z.B. in der Horlecke oder an der Fröndenberger Str.), aber auch durch Zwangszuweisung in privaten Wohnraum zu lösen war.

Mehr und mehr erschlossen wurde dann das Rauherfeld und vor allem die Platte Heide zur Ansiedlung der Heimatvertriebenen. Gefördert wurde das durch das Lastenausgleichsgesetz von 1952; mit günstigen Krediten konnte ein Grundstück erworben werden, das auch zur Selbstversorgung dienen konnte. Heute zeugen noch etliche  Straßennamen von dieser Zeit, wie zum Beispiel die Danziger Straße oder Westpreußenstraße. Auch der Bau der St. Marienkirche und des Paul-Gerhardt-Hauses auf der Platten  Heide erklären sich über den Zuzug.  Ähnliches gilt für die damals noch selbstständige Gemeinde Lendringsen, sie wurde ebenfalls für zahlreiche Heimatlose eine Heimstatt, so weist die Bezeichnung Waldenburger Straße auf eine Stadt in Schlesien hin.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit war die große Mehrheit der einheimischen Bevölkerung wohl eher skeptisch gegenüber der hohen Zahl an Neuankömmlingen, zumal die Zwangszuweisungen sehr unbeliebt waren.  Dennoch gelang die Integration recht schnell, nach 2 Jahren hatten schon 40% der Vertriebenen Arbeit, nach 7 Jahren 90 % und 60 % eine Wohnung. 

Was hat diese Entwicklung beschleunigt? Neben der gleichen Sprache waren es sicher auch kulturelle und religiöse Gemeinsamkeiten, die die Eingliederung erleichterten. Hinzu kam der schnell wachsende Bedarf an möglichst gut ausgebildeten Arbeitskräften für den Wiederaufbau. Ein Beispiel ist in Menden das Nylon-Strumpfwerk Opal, das ab 1949 gerne Strumpfwirker aus dem Osten, z.B. aus dem Raum Lodz, beschäftigte und am Gollacksplatz Werkswohnungen errichtete, aber auch die mittelständische Metallindustrie, die für den Nachkriegsbedarf produzierte. Mitunter mussten die zugewanderten Arbeitskräfte allerdings hinnehmen, ndass sie unter ihrer Qualifikation eingesetzt wurden.

Ähnliche Einschränkungen sind bei der kulturellen und religiösen Gemeinsamkeit zu machen. Geschätzt 40% der Zuwanderer waren evangelisch, Menden dagegen zu fast 80% katholisch, was in dieser Zeit durchaus ein Hindernis für das Zusammenwachsen darstellen konnte. Hierzu gibt es allerdings unterschiedliche Aussagen von Zeitzeugen, deren Familie aus dem Osten zugezogen sind. Die einen haben, obschon evangelisch, keine Diskriminierungen hier erlebt, da ja z.B. die Lehrer in der Volksschule oft auch selbst zugewandert gewesen seien und umgekehrt die Protestanten in einigen Fällen selbst darauf Wert legten, dass Freundschaften – ähnlich auch bei den Katholiken – möglichst innerkonfessionell geschlossen wurden.  Andere sprechen davon, dass gewisse Vorurteile hier in Menden  noch lange existiert hätten. Bis in die 70er Jahre seien Siedler auf der Platten Heide noch „Polacken“ genannt worden. 

Ein Indikator für die wachsende Integration ist die Tatsache, dass etwa ab Mitte der 60er Jahren auch in Menden die Rückkehr der ehemals Vertriebenen in ihre alte Heimat kein politisch relevantes Thema mehr war und die Vorurteile auf der Seite der Einheimischen mehr und mehr schwanden. Dazu trug die Arbeit der Kirchen wie der Vereine bei. Auf der Platten Heide wurden z.B. ein Schützen-, aber auch ein Sportverein gegründet. Der Vereinsname „VfL Menden Platte Heide 1954/60“ verweist auf seine Gründungszeit: Wie sehr der Sport, insbesondere der Fußball, die Integration förderte (und fördert) belegt auch ein Zeitzeuge, der guter Fußballer war und daher kein Problem hatte, einen Verein zu finden: „Die Kontakte ergaben sich von alleine.“ Der „Schützenverein 1959 e.V. Menden Platte Heide“ wiederum  nimmt mit seiner Vereinsfahne Bezug auf Wilhelm Tell  als Einiger der Schweiz: sie soll laut Homepage des Vereins auf das „Zusammenwachsen der Bürger“ hinweisen, das der Verein in diesem so unterschiedlich geprägten Stadtteil fördern möchte.

Sieht man auf die Integration von Flüchtlingen in anderen Teilen der Welt, so kann sich Deutschland glücklich schätzen, dass die Entwicklung so weitgehend reibungslos verlaufen ist, auch wenn insbesondere die Heimatvertriebenen gewaltige Lasten tragen mussten.

Der Beitrag stützt sich auf u.a. auf

  • Erinnerungsliteratur (z.B. H. Schäfer: Gefühle waren nicht mehr da)
  • C.P. Levermann: So war es früher 
  • Verwaltungsberichte der Stadt Menden 1950-1954
  • Einzelnen Zeitzeugen: U.W., D.P. (Lodz), C.S., FF (Bitterfeld)
  • Homepage des „Schützenvereins 1959 e.V. Menden Platte Heide“
  • Und bei einigen Zahlenangaben auf KI 

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