Verzeichnis:
- Informationstext über griechische Gastarbeiter
- Bericht von H.E., Tochter und Schwiegertochter von Gastarbeitern aus der Türkei
Informationstext
1974 veröffentlichte Udo Jürgens seinen Song „Griechischer Wein“. Wenn das Lied auch für manchen kitschig klingt, so spiegelt es doch die Stimmung vieler griechischer Gastarbeiter in dieser Zeit wider. Ab 1960 durch das Anwerbeabkommen hergekommen, um zu arbeiten, Geld zu verdienen und es dann in die Heimat zurückzuschicken, fühlten sie sich oft fremd und sehnten sich nach Ihrer Familie, zumal sie schwerste Arbeiten verrichteten.
Ein Beispiel kann in diesem Zusammenhang Sospirios Ch. sein, der im Alter von 23 Jahren mit einem Arbeitsvertrag zu Eichelberg (Herstellung von Metallrohren, jetzt MPG) kam, sich nur mit Händen und Füßen verständigen konnte und erst nach 4 Jahren in seine Heimat zurückkehrte. Dort sorgte sein Vater dafür, dass er eine ihm bis dahin weitgehend unbekannte Frau, die 9 Jahre jünger war als er, heiratete; mit ihr kehrte er nach Deutschland zurück, auch sie fand eine Anstellung – bei Fa. Schmöle – ohne Deutschkenntnisse. Als sie ihr erstes Kind bekamen, stellte sich ihre Wohnung als zu klein heraus und sie waren gezwungen, ihr Kind schweren Herzens nach Griechenland zur Oma zu geben; erst mit 12 Jahren konnte es wieder nach Menden zu den Eltern zurückkommen. Bedenkt man, dass es damals weder Handys noch Skype gab, wird deutlich, wie schmerzhaft die Trennung gewesen sein muss.
Dass auch das Erlernen der deutschen Sprache für beide nicht einfach gewesen sein dürfte, ergibt sich neben den völlig fremden Worten aus der vollkommen anderen Schrift, die sie ohne Deutschkurse erlernen mussten.
Wie willensstark und hartnäckig sie waren, zeigt eine kleine Anekdote zu Sospirios, dessen Traum ein eigenes Auto war. Er ging also zu Opel Bichmann und erstand ein gebrauchtes Fahrzeug. Er bat den Verkäufer, den Wagen bis auf die Straße zu fahren, was dieser auch verwundert tat – bis sich herausstellte, dass Sospirios gar keinen Führerschein besaß. Im Nachhinein kommentierte er: „Ich hab’s erstmal mit Vorwärts probiert. Beim Rückwärtsfahren war ich nicht so erfolgreich.“ Viele Beulen waren die Folge. Schließlich machte er doch noch den Führerschein für PKW, dann sogar für LKW und Bus. Er arbeitete anschließend als LKW – Fahrer, später als Busfahrer, nebenbei als Taxifahrer, so dass die Familie nach vielen Umzügen endlich ein kleines Haus mit Garten auf der Platte Heide beziehen konnte. Interessant ist – und ein Zeichen der Heimatverbundenheit vieler Griechen, dass er, der alle seine Freunde mittlerweile in Menden hatte, wünschte, in Griechenland bestattet zu werden.
Ganz anders verhielt es sich mit ‚Takki‘, der von der WP zu den drei prägenden Wirten in Menden gezählt wurde, er betrieb die „Kleine Kneipe“ in der Bahnhofsstraße und war fast jedem wenigstens vom Ansehen her bekannt. Er galt, wenn er in seine Heimat fuhr, als der „deutsche Grieche“ und fühlte sich in Menden ganz zu Hause; dies spiegelt sich in seinem Wunsch, hier auch bestattet zu werden.
Takki steht auch für eine Menden mitprägende Entwicklung in den 70/80ern: das Aufkommen der griechischen Gastronomie, etliche Restaurants oder Imbisse ließen schon im Namen ihre Herkunft erkennen, z.B. das Peloponnes oder das Athen, andere sind eher verdeckt als griechisch zu erkennen, wie die Lindenschänke oder die Stadtschänke. Egal wie, sie bereicherten und bereichern die Gastroszene in Menden und werden gerne aufgesucht.
Wie viele Griechen genau in den 60/70ern zugewandert sind und wo sie gewohnt haben, ist nicht digital verfügbar. KI schätzt ihre Zahl auf 300 bis 500, was aber wohl zu tief angesetzt ist, da 1979 schon gut 1.200 Griechen hier lebten und damit die stärkste Gruppe unter den Ausländern darstellten. Ihre Unterbringung erfolgte anfangs vermutlich in Werkswohnungen oder kleinen Mietwohnungen.
Bestand anfangs bei sehr vielen der Wunsch zurückzukehren, so hat sich dies im Laufe der Zeit geändert, zumal ab 1970 die Familien nachgeholt werden konnten und aus den ehemaligen ‚Gastarbeitern‘ Mendener Bürger wurden. Die Integration hat erleichtert, dass viele Griechen sehr arbeitswillig und anpassungsfähig nach Deutschland kamen und trotz der kulturellen Hürden in Sprache und Schrift sehr lernwillig waren.
Quelle der Bilder: Deutschlandfunk Kultur; rosalux; Niko.hypotheses (Ankunft auf dem Bahnhof in Lippstadt)
Ein gutes Beispiel hierfür ist Elli K., die nicht nur 1988/89 bei Kornblumenblau, der Mendener Karnevalsgesellschaft (MKG), zum Prinzenpaar gehörte, sondern als Griechin auch an Plattdeutschen Wettbewerben teilnahm – und gewann. Sie ist aber ebenfalls ein Beispiel dafür, wie die Verbindung zu Griechenland immer gehalten wurde. Sie besuchte, wie es Pflicht für griechische Schüler war, nach dem regulären Unterricht noch die griechische Schule, was es ihr erleichterte, als Ärztin wieder in ihre Heimat zurückzugehen.
Des Weiteren waren und sind es die „Griechische Gemeinde e.V.“, die sich als Begegnungszentrum versteht, und die „Griechisch-Orthodoxe Gemeinde“, die den Zusammenhalt und das Gemeinschaftsgefühl fördern; letztere benutzte früher die katholische Vinzenzkirche für ihre Gottesdienste, heute die Heilig-Kreuz-Kirche, so dass sich darin eine gewisse Offenheit zeigt. Hinzu kommen Kulturvereine, wie der „Hellenische Kulturverein Menden und Umgebung e.V.“ (HKV), aber auch der „Griechische Elternverein“, die ihre Landestraditionen bewahren helfen. Nicht zuletzt ist es der Sport, der dazu beiträgt: Der GFV Olympos Menden (seit 1988) spielt in der Gruppe B der Kreisliga und hat dies ausdrücklich zum Ziel.
Für die meisten Griechen gilt, dass sie, obwohl hier heimisch geworden, den Bezug zu ihrer Heimat gehalten haben, wenigstens haben sie dort möglichst oft Urlaub gemacht. Wie stark die Bindung ist, zeigt sich beispielsweise bei einer 83-jährigen Altenheimbewohnerin, die ab den 60ern hier ist und nicht zurückkehren will bzw. auch nicht kann, weil sie erblindet ist, indem sie sagt, dass sie auf jeden Fall eins vermisse: das griechische Essen.
Um Integration bemüht sind auf deutscher Seite städtische Einrichtungen, wie der Integrationsrat, heute: „Ausschuss für Chancengerechtigkeit und Integration“ der Stadt Menden, aber auch Vereine wie der „Arbeitskreis für Deutsch-Griechische Freundschaft“, der mitunter Fahrten nach Griechenland organisiert.
Das Interesse an Griechenland und seiner Kultur durchzieht die deutsche Geschichte spätestens seit dem 18.Jh. Die philhellenische Strömung verhinderte aber nicht, dass in der Finanzkrise ab 2010 viele Griechen auch hier in Menden auf die Zahlungsschwierigkeiten Griechenlands angesprochen und fast persönlich dafür verantwortlich gemacht wurden. Dieses Thema spielt aber heute kaum noch eine Rolle und hat das Verhältnis nicht wirklich gefährdet, was aber zeigt, dass immer wieder Belastungen auftreten können, die ein gutes Fundament brauchen.
Die Darstellung beruht u.a. auf:
- Westfalenpost-Ausgaben vom 12.02.2011, 29.05.2014 und 18.07.2014 Heft: Menden-Märkischer Kreis, 1979
- Wikipedia
- Zeitzeugen: N. N.
- KI (vor allem für Zahlenangaben)
Autor: Herbert Heinrichs
Bericht von H.E., Tochter und Schwiegertochter von Gastarbeitern aus der Türkei
H.E. ist als Tochter eines Gastarbeiters aus der Türkei mit ihrer Familie nach Deutschland gekommen, nachdem ihr Vater schon zwei Jahre in Deutschland gearbeitet hatte. Wie viele Gastarbeiter, die eigentlich vorhatten, nur wenige Jahre zu bleiben und dabei genügend Geld zu verdienen, um sich in der Heimat eine Existenz aufzubauen, musste auch ihr Vater einsehen, dass dieser Plan nicht so leicht umzusetzen war, weshalb er seine Familie nach Deutschland nachholte.
Da sie noch ein Vorschulkind war, hat sie ihre gesamte Schul- und Ausbildungszeit in ihrer neuen Heimat verbracht, was dazu geführt hat, dass sie die deutsche Sprache vollkommen beherrscht und sich auch ansonsten – mit zwei Staatsbürgerschaften – in Deutschland heimisch fühlt.
Ihr Vater und drei Freunde waren die Ärmsten im Dorf und entschlossen sich daher, nach Deutschland zu gehen, wo sie mehr Lebensqualität erwarteten. Voraussetzung dafür, dass sie als Gastarbeiter in Frage kamen, war, dass sie völlig gesund waren. Einer der Freunde hatte eine Sehschwäche und durfte deshalb nicht mitgehen.
Ihr Vater kam 1976 nach Recklinghausen, wo er in einem reinen Männerheim wohnte, in dem ausschließlich türkische Gastarbeiter untergebracht waren. In Gelsenkirchen arbeitete er fünf Jahre unter Tage als Bergarbeiter.
H. hat nach Menden geheiratet und erzählt deshalb von der Familie ihres Mannes.
Ende der 60er Jahre ging ihr Schwiegervater – noch nicht 30 Jahre alt – von seinem Wohnort in der Türkei nach Istanbul und von dort nach Olsberg, wo er auch in einem Wohnheim wohnte. Seine Frau, ihre Schwiegermutter, hat er zwei Jahre später, 1970, in der Türkei geheiratet, mit nach Deutschland genommen und ist mit ihr nach Menden gezogen.
Bis zur Geburt ihres ersten Kindes (1972) arbeitete ihre Schwiegermutter in einer großen Mendener Firma. Ein halbes Jahr nach der Geburt ging sie wieder arbeiten. Vier Jahre später wurde der zweite Sohn geboren. Anschließend musste sie weiterarbeiten, weshalb beide Söhne zur Oma in die Türkei gebracht wurden. Die Eltern der Jungen hatten die Vorstellung, nur ein paar Jahre hart in Deutschland arbeiten zu müssen und viel Geld zu verdienen, um dann wieder in die Türkei zurückzukehren.
Irgendwann merkten sie, dass ihre Rechnung nicht aufging. Da es nicht gut möglich war, in der Türkei zu arbeiten und genügend Geld zu verdienen, wurden die Kinder nach zwei Jahren nach Deutschland zurückgeholt und die Familie blieb hier. Von dem verdienten Geld konnten sie sich zwar in der Türkei ein Grundstück kaufen und ein Haus bauen, aber sie konnten dort nicht den Lebensunterhalt verdienen, den sie in Deutschland gewohnt waren. Sie wechselten immer zwischen zwei Ländern, auch als sie schon Rentner waren. Wegen der Kinder und Enkel und auch wegen der besseren Gesundheitsversorgung konnten sie sich nicht dazu entschließen, ganz in der Türkei zu bleiben. So blieben sie zeitlebens Wanderer zwischen zwei Welten.
Die Sprache zu erlernen, war für die erste Generation der Einwanderer sehr schwierig, denn es gab noch keine Sprach- und Integrationskurse, wie wir sie heute kennen. Die Gastarbeiter hatten ganze fünf Tage Unterricht, um den Grundwortschatz zu erlernen. Danach kannten sie ein paar Wörter wie „Brot“, „Wasser“ etc., also insbesondere für die Bezeichnung von Grundbedürfnissen, aber ansonsten machten sie sich durch Zeichensprache, buchstäblich mit Händen und Füßen, verständlich.
Sie hatten keine Gelegenheit, etwas von der deutschen Kultur mitzubekommen. Ihre eigene Religion konnten sie offiziell nicht ausüben, da es keine Moscheen gab.
Außerdem hatten sie kaum Zeit, sich damit zu beschäftigen, weil sie im Allgemeinen bis zu 18 Stunden täglich (auch an mehreren Arbeitsstellen) arbeiteten, wobei sie nur wenig Gelegenheit zum Deutschsprechen hatten. Am Fließband oder in der Pause sprachen die Türken miteinander in ihrer Muttersprache. Sie fühlten sich wie Arbeitstiere, als Gäste empfanden sie sich nur im Hinblick auf den Plan, kurzzeitig in Deutschland zu bleiben.
Sie hießen zwar Gastarbeiter, wurden aber nicht wie Gäste behandelt. Zu mehreren wurden sie in den einzelnen Zimmern der Heime untergebracht. Man blieb unter sich, die deutsche Sprache wurde nicht vermittelt.
Für die Elterngeneration ist die Türkei nach H.‘s Worten immer noch sowohl Heimat als auch Zuhause, für die Generation von H. ist die Türkei zwar auch Heimat, aber Deutschland ist ihr Zuhause. Für die nachfolgende Generation ist Deutschland Heimat und Zuhause.
Als Freunde wurden in der ersten Generation nur andere Türken angesehen, und diese kamen auch als Übernachtungsbesuche. Die deutsche Nachbarschaft war bereit zu helfen, aber echte Freundschaften sind daraus nicht entstanden.
Heute – in den nachfolgenden Generationen – gehen die Freundschaften durch alle Nationen. Auch die Kinder sind mit Kindern verschiedener Nationen zusammen und teilweise befreundet.
H. ist neben ihrem Beruf, in dem sie mit Mendenern verschiedener Herkunft zu tun hat, ehrenamtlich in der türkischen Gemeinde tätig und dadurch mehr mit Türken zusammen. Sie nimmt am Gemeindeleben teil, die Kinder lernen am Wochenende in der Moschee Koranlesen. Auch Frauen treffen sich untereinander in der Gemeinde.
In der Ramadanzeit beten Männer und Frauen parallel in getrennten Räumlichkeiten der Moschee. Ansonsten findet das Freitagsgebet im Allgemeinen nur unter Männern in der Moschee statt; Frauen beten meist allein zu Hause. Denn Religion ist eine Privatangelegenheit. Aufgrund des regen Gemeindelebens und der ausgeprägten Jugendarbeit freuen sich unsere muslimischen Mitbürger/innen darauf, dass eine „richtige“ Moschee gebaut wird.
Autorin: Marika Eggers



