Die Mendener kochten – äußerlich, weil der Juni so warm war, dass der Asphalt auf den Straßen aufweichte, und innerlich, weil sie das Freibad Leitmecke erst spätnachmittags betreten durften. Die britische Besatzungsmacht hatte nämlich 1952 das Bad für eigene Zwecke beschlagnahmt; obwohl nur wenige Briten mit ihren Familien es aufsuchten (und davon nur ganz wenige wirklich ins Wasser gingen, wie ein empörter Chronist überliefert), durften die Deutschen das Bad erst ab 17 Uhr betreten. Für den 8. Juli 1952 wird berichtet, dass 1000 Deutsche auf Einlass warteten, und als sie dann endlich eintreten durften, nochmal eine Stunde verging, bis der letzte im Wasser war. Dass die Briten für ihre Soldaten zudem noch Wohnraum beschlagnahmt hatten, der von der einheimischen Bevölkerung dringend benötigt wurde, dürfte das Verhältnis weiterhin belastet haben.
Schon drei Jahre später allerdings, also 1955, wurden mit dem Auslaufen des Besatzungsstatuts die Besatzungsmächte Großbritannien, USA und Frankreich zu den Schutzmächten Westdeutschlands gegen die mögliche sowjetische Bedrohung und sahen sich als mitverantwortlich für dessen militärische Verteidigung. England stationierte also ab 1960 als Teil der „British Army of the Rhine“ (BAOR) eine Raketeneinheit in Menden und zwar am Papenbusch, die nuklearen Sprengköpfe für diese Lance-Raketen bewachten die US-Amerikaner mit einer kleinen Einheit in Menden-Holzen in einem Sondermunitionslager.
Leider lässt sich die Zahl der in Menden Am Papenbusch stationierten und an der Bismarckstraße im sog. „married quater“ lebenden Briten nur sehr grob schätzen, unterlag sie doch der militärischen Geheimhaltung. Zeitzeugen sprechen von „sehr vielen Soldaten, sicher über 500“, während die KI auf 200 bis 400 kommt, wozu allerdings die Familien bzw. Ehefrauen im „married quater“ hinzugerechnet bzw. hinzugeschätzt werden müssten.
Die Kaserne selbst, die Briten nannten sie Northumberland Barracks, und deren unmittelbare Umgebung boten alles, was die britischen Soldaten zum Leben brauchten. Neben eigenen Sportplätzen waren es auch ein Kaufhaus mit englischen Waren, das NAAFI, und ein Pub, der mit englischem Bier, Dartscheiben und Teppichboden ein Stück Heimat simulieren sollte.
Dadurch kam es, dass die Briten eher ein abgeschottetes Leben führten und nur wenige Deutsch lernten, so dass kaum von einer Integration der Briten in die heimische Gesellschaft gesprochen werden kann. Zwar besuchten die durchaus trinkfreudigen Soldaten auch deutsche Kneipen oder englisch ausgerichtete wie das Paddock in der Richard-Strauß-Straße, das laut Zeitzeugen noch bis 1979 bestand, doch bewegten sich die Kontakte eher auf der Ebene der Bekanntschaft als der vertieften Freundschaft.
Dennoch gab es natürlich Ausnahmen von der Regel. Dazu ist z.B. Martin Smith (Jg. 57) zu zählen, der bezeichnender Weise erst zwei Jahre nach seiner 6-jährigen Soldatenzeit auf einer Tour, die ihn eigentlich nach Australien führen sollte, Menden wieder besuchte
und dabei seine Frau kennenlernte, für die er seine Pläne aufgab. Auch für ihn war die Integration nicht leicht, da er damals kein Deutsch sprach und keine formale Ausbildung abgeschlossen hatte, so dass es schwierig war, eine Arbeitsstelle zu finden. Da er in gewissem Sinne aber ein Tausendsassa war, bekam er bei der Fa. Unger und Hesse in der Autowerkstatt eine Stelle und gelangte schließlich zu den Stadtwerken, bei denen er 30 Jahre lang blieb.
Bekannt ist er in Menden vor allem durch sein kulturelles Wirken, das ihm u.a. ermöglichte, den britischen Humor den Deutschen näherzubringen. Dazu schrieb er Theaterstücke und trat auch selbst als Schauspieler auf. Bekannt ist ebenfalls der English-Speaking-Club, der ihm sehr am Herzen liegt: in ihm können Freunde der englischen Sprache ihre Fertigkeiten vertiefen und sich über aktuelle Themen austauschen. Und nicht zuletzt sind es Kinder, die er ansprechen möchte: sei es als Zeichner für ein Buch, das die Mendener Stadtgeschichte behandelt, sei es als Erzähler von Kindergeschichten.
Martin Smith ist also ein Engländer, der einerseits das Englische aktiv pflegt, anderseits aber auch ein Deutscher, der das kulturelle Erbe schätzt, er bewahrt sich damit eine Weite, die jeden Nationalismus ausschließt, nicht umsonst lautet die Adresse seiner Homepage: www.martin-smith.eu.
Als die britischen Truppen Anfang der 90er Jahre schließlich abzogen, war das für Menden insofern interessant, als dass das Kasernengelände für die Stadtentwicklung genutzt werden konnte. Obgleich der Abzug für manche einen bitteren Verlust bedeutete, insbesondere für die in der Zwischenzeit entstandenen Verbindungen zwischen Deutschen und Briten, so sah man mehrheitlich in der Stadt die Chancen – unabhängig davon, dass die Mendener den Briten prinzipiell wohlwollend gegenüberstanden.

Kasernenvorplatz im Juli 1991; Foto: Martina Dinslage, Westfalenpost
Viele bedauerten daher den Brexit 2020 – und das nicht nur aus wirtschaftlichen Motiven. Die Westfalenpost meldete im Januar 2020 jedenfalls stolz: „83 Mendener lassen sich einbürgern – Viele Briten erhalten einen deutschen Pass“. Legt man eine Zahl von 1979 zugrunde, die sich auf in Menden lebende Briten außerhalb des Militärs bezieht, so wäre das bei damals 101 britischen Bürgern tatsächlich eine sehr hohe Quote – allerdings kann man wohl davon ausgehen, dass 1992 gegenüber 1979 eine höhere Anzahl hier lebte.
Schaut man nun insgesamt auf das deutsche Verhältnis zu Großbritannien in der Nachkriegszeit, so zeigt sich ein wechselvolles Bild: die ehemaligen Besatzer wurden zu Verbündeten Westdeutschlands und schließlich sogar bis 2020 zum EU – Partner. In Menden spiegelt sich dies im Kleinen wider. Nicht nur im gewandelten Verhältnis zu den hier stationierten Soldaten, sondern auch in der Einbürgerung britischer Bürger: Diese Zahl stieg 2019 in Deutschland insgesamt besonders stark, entsprechend in Menden auch, übertraf jedoch nur recht knapp die Marke von 15.000. Dass nicht mehr britische
Bürger nach Deutschland gekommen sind und kommen, liegt im Wesentlichen daran, dass z. B. Australien als Auswanderungsland wegen der gleichen Sprache und des angenehmeren Klimas schon lange Zeit deutlich beliebter ist als Deutschland. Der Brexit, der auch ein Mehraufwand an Bürokratie mit sich bringt, erschwert es zusätzlich.
Die Darstellung stützt sich auf:
CP Levermann, So war es früher – Mendener Geschichten, Bd. 1, Essen 2013 Westfalenpost (WP) vom 20.01.2020
KI (insbesondere bei Zahlenangaben) und Wikipedia
Zeitzeugen: G.Sp. und U.F. aus Menden
Heft: Menden – Märkischer Kreis, 1979
Statista.de
