17. JH. Juden

Dass Juden bereits Anfang des 17. Jahrhunderts in Menden gelebt haben, belegen einige Urkunden. Um sich in einer Stadt aufhalten zu dürfen, brauchten Juden „Schutzbriefe“ der Obrigkeit, für die sie auch bezahlen mussten. 
Sie wurden bis Mitte des 19. Jahrhunderts als Fremde betrachtet, waren jedoch wirtschaftlich meist nicht schlecht gestellt, obwohl sie keine Handwerksberufe ausüben durften, da ihnen der Zugang zu Zünften und Gilden verwehrt war. Es blieb ihnen also nichts weiter übrig als der Handel, z.T. auch der Geldhandel. 
Bürgerrechte erhielten die Juden auch in Menden erst ab 1854 – nach der Deutschen Revolution von 1848 und auf der Grundlage einer neuen Verfassung in Preußen (1850).
Aufgrund ihrer Religion bildeten die Juden eine eigene Gemeinde, die ab 1821 in der heutigen Hochstraße eine Synagoge baute. Sie hatten auch eine eigene Schule mit einem Lehrer, den sie selbst bezahlen mussten. 
Nachdem die Juden Bürgerrechte erhalten hatten, konnten sie immer mehr am gesellschaftlichen Leben der Stadt teilnehmen, indem sie z.B. Stadtverordnete im Mendener Magistrat stellten. Sie fühlten sich dem deutschen Reich verpflichtet, was man z.B. daran erkennt, dass sie Militärdienst ableisteten und auch im Ersten Weltkrieg an der Front kämpften, sodass einige von ihnen mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurden. 
Wirtschaftlich hatten die Juden einen erheblichen Anteil am Stadtleben. So gab es mehrere jüdische Geschäfte, die von der Bevölkerung sehr geschätzt wurden, z.B. die Schuhhäuser Rosenbaum und Keiser sowie die Textilhäuser Samson und Reifenberg (heute Sinn). 
Um 1800 kam eine Familie Rothschild nach Menden. S. L. Rothschild erwarb um 1850 die Papiermühle der Freiherrn von Dücker und die Mendener Papierfabrik an der Hönne. Beide Mühlen wurden zu modernen Betrieben ausgebaut. Als wohlhabender Bürger zahlte Rothschild nicht nur viel Steuern, sondern er spendete auch hohe Beträge für verschiedene caritative Zwecke, nicht nur für jüdische Einrichtungen, sondern auch für christliche. Sogar in seinem Testament bedachte er Arme, Kranke und die christlichen Konfessionen.
Aber auch andere jüdische Geschäftsleute unterstützten bedürftige Mendener, organisiert durch christliche Pfarrämter. 
Ein Zeichen ihrer Integration war auch die Tatsache, dass einige Juden ihre Namen anpassten: Sie trugen christliche Vornamen und eingedeutschte Nachnamen, manche konvertierten zum Christentum.
 Die jahrhundertelangen Bemühungen von Juden, sich in die Stadt Menden zu integrieren, was ja im 19. Jahrhundert auch ganz gut gelang, wurden relativ plötzlich unwirksam, als die Nationalsozialisten in Deutschland an die Regierung kamen. 1933 verloren jüdische Beamte und Angestellte im öffentlichen Dienst ihre Arbeitsstellen. Amtsträger, wie z.B. Aufsichtsratsvorsitzende, wurden aus ihren Ämtern verdrängt.  Es kam es zu Boykott- und Beschädigungsaktionen gegen jüdische Geschäftshäuser und Aufrufe, nicht bei Juden zu kaufen. 
1935 wurden die Nürnberger Rassengesetze erlassen, wodurch die Juden ihre deutsche Staatsbürgerschaft und viele Rechte verloren. Eine Heirat zwischen „deutschen“ und jüdischen Personen wurde verboten. Der Verlust von Rechten betraf auch die jüdische Gemeinde als Ganze. So wurde sie nur noch als einfacher Verein gesehen, wodurch sie gesellschaftlich abgewertet und steuerrechtlich mehr belastet wurde.
Wer mehr als 5000 Reichsmark besaß, musste sein Vermögen registrieren lassen, was später zu Enteignungen bzw. zu Zwangsverkäufen unter Wert führte. Auch der Eigentümer des Textilgeschäftes Reifenberg musste sein Geschäft verkaufen – an die Gebrüder Sinn in Hagen.
In ihrem Ausweis wurden Juden mit einem „J“ gekennzeichnet. Außerdem mussten Männer den Namenszusatz „Israel“ und Frauen „Sara“ tragen. 
Innerhalb kürzester Zeit hatten die Juden ihre Rechte als „normale“ deutsche Bürger auch in Menden verloren. 
Einen Höhepunkt erlebte die Judenfeindlichkeit in der Reichspogromnacht am 9./10. November 1938. Nicht nur in Geschäftshäusern kam es zu erheblichen Zerstörungen, sondern auch in der Synagoge, die durch SA-Leute in Brand gesetzt wurde. Gelöscht wurde dieser durch Anwohner aus Angst, dass die Flammen auf ihre Häuser übergreifen würden.
Wegen der zunehmend bedrohlichen Lage verließen einige jüdische Familien Menden und wanderten aus. Zunächst wurde die Emigration der Juden von der Geheimen Staatspolizei gefördert und beschleunigt; nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 war es kaum noch möglich, Deutschland zu verlassen. Ab 1941 mussten Juden den gelben „Judenstern“ sichtbar tragen. Kurz nach dieser Anordnung wurde den Juden die Ausreise verboten. 
In der „Wannsee-Konferenz“ am 20.1.1942 wurde die Massenvernichtung der Juden staatlich beschlossen. 
Auch in Menden wurden die Juden nicht vor Deportation und Ermordung geschützt. In drei Transporten wurden sie abgeholt und in Vernichtungslager gebracht. Den Transport mussten sie zynischerweise selbst bezahlen. 
Sehr wenige Mendener Juden überlebten die Deportation, unter ihnen Käthe Cordier, die zum evangelischen Glauben konvertiert war und mit einem evangelischen Mendener verheiratet war. Nachdem ihr Mann gestorben war, wurde sie nicht mehr geschützt und 1944 nach Theresienstadt deportiert. Die Befreiung des Lagers erlebte sie und konnte deshalb 1947 nach Menden zurückkehren, wo sie 1968 starb. 
Mit Hilfe von „Stolpersteinen“ werden die Mendener daran erinnert, dass sie jüdische Mitbürger hatten, die in Häusern wohnten, die heute andere besitzen. Vor diesen Häusern sind z.T. pflastersteinartige Metallplatten angebracht, in die Namen, Geburtsjahrgang, Deportationsjahr und -ort sowie das Jahr ihrer Ermordung eingraviert sind. 
Auch der jüdische Friedhof zwischen Nordwall und Schwitter Weg erinnert an die jüdischen Mitbürger. Hier sind viele nach jüdischem Ritus beerdigt und der Friedhof wird von Schülern gepflegt. Auffällig ist, dass die alten Grabsteine noch Inschriften in Hebräisch und Jahreszahlen nach jüdischer Zeitrechnung aufweisen, die neueren Steine aus dem 20. Jahrhundert jedoch in lateinischer Schrift auf Deutsch mit christlicher Zeitrechnung beschrieben sind. 
Die Stadt Menden hat einen speziellen Erinnerungsort geschaffen: Vor dem Ort, an dem einst die Synagoge stand – Hochstraße/Ecke Synagogengasse – steht ein Gedenkstein. Auf drei Stelen sind Namen und Alter der ermordeten Juden eingraviert, auf dem zerbrochenen Davidstern die Konzentrationslager, in denen die Menschen gefangen gehalten und ermordet wurden. Jedes Jahr findet am 9. November eine Gedenkveranstaltung an diesem Ort statt. 
Quelle:
Ge-Denk-Zellen Altes Rathaus Lüdenscheid e.V., Lüdenscheid 202: „Jüdische Nachbarn im heutigen Märkischen Kreis ca. 1234-2021“, darin das Kapitel „Menden“ von Stephan Reisloh und der letzte Abschnitt „Ort des Erinnerns“ von Jutta Törnig-Struck. 
Die Einzelquellen sind hier nicht aufgeführt, können aber der genannten Broschüre auf den Seiten 44-58 entnommen werden. Die Broschüre gibt es im Stadtarchiv und in der Stadtbibliothek Menden.

Fotos: Synagoge aus der o.g. Broschüre S. 56;  Stolpersteine S. 54, 
Mahnmal in der Hochstraße fotografiert von Marika Eggers
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Mahnmal in der Hochstraße
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Zerbrochener Davidstern mit den Namen der Konzentrationlager
spolpersteine
Stolpersteine
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