Ähnlich wie Juden sind auch Sinti schon seit vielen Jahrhunderten in Europa. Allerdings gibt es nur wenige Dokumente, aus denen genauere Daten hervorgehen. So verhält es sich auch mit Menden, wo bis heute noch nicht festgestellt werden konnte, wann die ersten Sinti ansässig waren. Seit die Sprachen der Sinti und Roma als Verwandte des indischen Sanskrit identifiziert worden sind, ist man sich einig, dass die Vorfahren unserer heutigen Sinti und Roma aus dem Bereich Indien und Pakistan nach Europa gekommen sind. In Deutschland gab es sie schon seit dem frühen 15. Jahrhundert. Wann sie nach Menden eingewandert sind, lässt sich nicht nachweisen. Auf jeden Fall ist ihre Anwesenheit ab Ende des 19. Jahrhunderts dokumentiert, möglicherweise waren sie bereits früher in Menden.
Da über Sinti in Menden nur sehr spärliche Angaben zu finden sind, kann man lediglich aus den Quellen Rückschlüsse ziehen, die im Stadtarchiv zur Verfügung stehen.
Wie die Juden hatten auch die Sinti unter weitreichenden Beschränkungen zu leiden, was ihre wirtschaftliche Betätigung betrifft. So waren auch sie nicht in Zünften und Gilden zugelassen, was ihnen die Arbeit in Handwerksberufen verwehrte. So entstand das Klischee vom „fahrenden Volk“, das seine Handelsprodukte außerhalb von Geschäften anbieten musste.
Trotz der Vorurteile, die den fremd wirkenden Sinti mit ihrer eigenen Sprache und Tradition entgegengebracht wurden, gelang es ihnen im Laufe der Zeit, sich einigermaßen in die Gesellschaft einzugliedern. Sie wohnten zwar zum Teil in besonderen Straßen, schickten aber ihre Kinder in die Schulen vor Ort und gingen zuletzt bürgerlichen Berufen nach. Als katholische Christen besuchten sie die Gottesdienste, und ihre Kinder feierten – wie die anderen Kinder – die Erstkommunion.
Zahlenmäßig waren sie nur eine kleine Minderheit, sodass nicht viele Mendener engen Kontakt mit ihnen haben konnten. Je weniger Berührungspunkte bestehen, desto eher sind Menschen geneigt, an Klischees zu glauben. So gab es bei vielen das Vorurteil, Sinti seien moralisch schlechter als „normale“ Deutsche und ihre negativen Charaktereigenschaften seien angeboren.
Heinz Luig, der während seiner Schulzeit in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg mit einem Sinti-Jungen befreundet war, berichtete, dass dieser trotz seines ruhigen, freundlichen Verhaltens von manchen Lehrern regelmäßig getadelt und ungerechtfertigt bestraft wurde.
In dieser Zeit veränderte sich das Verhalten der Bevölkerung gegenüber den unter ihnen lebenden Sinti, was letztlich während der Herrschaft der Nationalsozialisten in Deportation und Ermordung fast aller in Menden lebender Sinti führte.
In einer ergreifenden Gedenkfeier in der Vincenzkirche am 9. März 2026 erinnerten u.a. Schüler und Schülerinnen der Initiative „Augen auf!“ der Gesamtschule und Mendener Grundschulen an die ungerechte Behandlung auch von Kindern der Sinti, deren Verschleppung und Ermordung. In seinem Vortrag zur Einweihung des Mahnmals für die ermordeten Sinti in Menden berichtete der Stadtarchivar Stephan Reisloh davon, dass die Mendener „ihre“ Sinti nicht schützten, sodass mindestens 46 von ihnen, darunter 23 Kinder, dem Rassenwahn und dessen tödlichen Folgen zum Opfer fielen.

Der Gedenkstein, der auf dem Platz vor der Vincenzkirche errichtet wurde, weist einen durchgehenden Spalt auf und trägt eine Metallplatte mit den Worten
„Wir gedenken der 500.000 Sinti und Roma, die von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden, unter ihnen mindestens 46 Kinder, Frauen und Männer aus Menden. Ihr Andenken verpflichtet uns, die Erinnerung lebendig zu halten, heute und für die Zukunft.“
Anders als die Juden wurden die Sinti und Roma lange Zeit nicht als rassisch verfolgte Opfer des Nationalsozialismus anerkannt und erhielten folglich auch keine Entschädigungszahlungen. Erst im Jahr 1982 änderte sich das grundlegend, nachdem es 1963 zu einer juristischen Teilanerkennung gekommen war. Seit der offiziellen Bezeichnung als Völkermord, der aus rassistischen Gründen verübt wurde, gibt es Bemühungen, Sinti und Roma zu rehabilitieren und auf die ungerechte und grausame Behandlung durch deutsche Mitbürger/innen und den nationalsozialistischen Unrechtsstaat hinzuweisen – mit dem dringenden Wunsch und der Aufforderung, dass Ähnliches nie wieder passieren darf.
Quellen:
Zentralrat Deutscher Sinti und Roma – 40 Jahre Anerkennung des NS-Völkermordes
Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma
Wikipedia: Sinti https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://de.wikipedia.org/wiki/Sinti&ved=2ahUKEwiCiOS43syUAxXf8bsIHaxLOAoQFnoECCoQAQ&usg=AOvVaw0tIXDdACJ0KOI6irDve4A6
Vortrag von Stephan Reisloh anlässlich der Einweihung des Sinti-Mahnmals am 9.3.2026
auf der Grundlage von Gabriele Schulte-Kurteshi: Die Verfolgung der Mendener Sinti, Märker 2025
