Mein Name ist Deeba. Ich komme aus Afghanistan und lebe seit 2016 in Deutschland. Ich bin verheiratet und habe drei Kinder. In meinem Heimatland habe ich eine Ausbildung zur Hebamme gemacht, was mit vielen Schwierigkeiten verbunden war.
In der Provinz Kabul wurde ich in eine liebevolle Familie hineingeboren. Meine Eltern waren sehr daran interessiert, dass ihre Kinder gut lernten, sich bildeten und gute Berufsabschlüsse machten. Mit sechs Jahren wurde ich von meinen Eltern zur Schule geschickt und von ihnen immer zum Lernen ermutigt. Trotz begrenzter finanzieller Mittel gaben sie sich große Mühe, uns Kindern bessere Bildungsmöglichkeiten zu bieten, damit wir gebildete Mitglieder unserer Gesellschaft werden konnten. Dabei wurden wir mit zahlreichen Problemen konfrontiert, darunter wirtschaftliche Not, soziale Herausforderungen, Unsicherheit und Bürgerkrieg.
Als ich die sechste Klasse abgeschlossen hatte, begannen in unserer Region heftige Kämpfe. Es kam zu Beschuss und Explosionen, bei denen viele Menschen getötet oder verletzt wurden. Wir mussten unser Zuhause verlassen und unter sehr schwierigen Bedingungen in einen anderen Teil von Kabul fliehen, wo meine Großeltern lebten. Unsere Schulen wurden – wie viele Gebäude – zerstört.
Nach einiger Zeit meldete mein Vater uns an einer anderen Schule an. Trotz aller Unsicherheiten und Schwierigkeiten konnte ich meine Schulausbildung bis zur zehnten Klasse fortsetzen. Für meine Familie war dies ein großer Erfolg, da es für Mädchen sehr schwer war, so weit zu kommen.
In den Jahren 1996 bis 2001 übernahmen die Taliban die Macht in Afghanistan und die Schulen wurden für Mädchen vollständig geschlossen. Trotzdem gab mein Vater nicht auf und suchte nach geheimen Unterrichtsmöglichkeiten für Mädchen. Ich besuchte diese Kurse heimlich und trug dabei eine Burka, um weiterhin lernen zu können.
Die Herrschaft der Taliban dauerte bis Ende 2001. Nach ihrem Sturz wurden die Schulen für Mädchen wieder geöffnet. Trotz großer Angst und Unsicherheit kehrten wir in die Schule zurück. In dieser Zeit hatten wir kaum Zugang zu Strom und Wasser und ich lernte abends bei Kerzenlicht. Mit viel Mühe und dank der Unterstützung durch meine Eltern konnte ich schließlich die elfte und zwölfte Klasse abschließen und einen qualifizierten Schulabschluss erwerben. Dies erfüllte meine Familie und mich mit großem Stolz. Nachdem ich die nationale Hochschulaufnahmeprüfung „Kankor“ – eine Art Zentralabitur – bestanden hatte, wurde ich am Institut für Hebammenausbildung aufgenommen. Dort schloss ich meine Ausbildung trotz wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und sicherheitsbedingter Schwierigkeiten erfolgreich ab. Viele Familien wünschten sich eine gute Ausbildung für ihre Töchter. Für meine Eltern war es ein großer Erfolg, dass ich es geschafft habe.
Nach Abschluss meiner Ausbildung arbeitete ich in einem zentralen gynäkologisch-geburtshilflichen Krankenhaus und half mit Überzeugung und großem Engagement Frauen in schwierigen Lebenssituationen. Die Tätigkeit in meinem Arbeitsbereich – Familienplanung – wurde und wird auch heute von den Taliban als schweres Vergehen angesehen. Obwohl die Taliban damals nicht an der Macht waren, gab es Personen, die mit ihnen sympathisierten und uns auf verschiedene Weise bedrohten.
Diese Tatsache war ein Grund für meinen Wunsch, Afghanistan zu verlassen. Außerdem wollte ich nicht, dass meine Kinder dieselben schweren Erfahrungen machen müssten wie ich. Ich wollte ihnen eine bessere Zukunft ermöglichen.
Möglichkeiten dafür sah ich in Deutschland als einem Land, das für viele Menschen weltweit als Ort der Stabilität, des Fortschritts und eines besseren Lebens bekannt ist.
Im Jahr 2016 hörten wir, dass die Grenzen nach Europa geöffnet worden waren. Zu dieser Zeit war ich verheiratet und hatte zwei Kinder, eins war fünfeinhalb Jahre alt und das andere vier. Ich arbeitete in einer Klinik namens „Marie Stopes“ im Bereich „Familienplanung“ und mein Mann arbeitete in einer Bank namens „Azizi Bank“ in der IT-Abteilung. Wir kamen zu der Entscheidung, dass dies die einzige Gelegenheit war, uns selbst und unsere Kinder aus Afghanistan zu bringen.
Danach erhielten wir ein Visum für den Iran und reisten mit dem Flugzeug dorthin. Wir verbrachten eine Nacht im Iran und machten uns anschließend illegal auf den Weg zur türkischen Grenze. Gemeinsam mit unseren Kindern und mehreren anderen Familien setzten wir unseren Weg zu Fuß fort. Der Weg war sehr schwierig und geprägt von Angst und Unsicherheit.
In der dunklen Nacht, mitten in Wäldern und begleitet von Tiergeräuschen, gingen wir mit unseren Kindern in den Armen zu Fuß auf einem unbekannten Weg. Wir hatten große Angst und wussten nicht, was uns erwartete. Trotz vieler Schwierigkeiten und Gefahren gelang es uns schließlich die Türkei zu erreichen.
Als wir in der Türkei ankamen, erfuhren wir, dass die Grenzen Europas wieder geschlossen worden waren. Wir verbrachten einige Tage in der Türkei und setzten danach unseren Weg über das Meer zwischen der Türkei und Griechenland fort. Der Weg war voller Schwierigkeiten. In der Türkei gab es Menschen, die den Weg etwas kannten und Flüchtlinge darüber informierten, von welchen Stellen aus sie mit Booten übers Meer fahren konnten, um Griechenland zu erreichen. Diese Boote wurden extra dafür organisiert, Migranten nach Griechenland zu bringen. Wir wussten, dass wir mit vielen Gefahren und Schwierigkeiten konfrontiert sein würden. Doch wegen der untragbaren Situation in unserem Heimatland entschieden wir uns trotz aller Risiken, gemeinsam mit anderen Migranten in eines dieser Boote zu steigen.
In jener dunklen Nacht befanden wir uns mitten auf dem Meer in einem einfachen Boot mit 30 bis 40 Menschen. Unser Boot war bereits voller Wasser. Jedes Mal, wenn ich daran denke, bekomme ich Gänsehaut, denn dieses Erlebnis war traumatisch für mich. Ich dachte, dass wir jeden Moment ertrinken könnten. Meine Kinder hielt ich fest in meinen Armen, weil ich dachte: Falls wir sterben sollen, dann sollen die Kinder in meinen Armen sein. Ich konnte kaum atmen. Doch dann hatten wir Glück: Ein griechisches Schiff rettete uns mitten auf dem Meer. Wir wurden an Bord gebracht und schließlich nach Griechenland.
Sechs Monate lang lebten wir in Griechenland unter sehr schwierigen Bedingungen. Wir hofften, dass die Grenzen nach Europa wieder geöffnet würden, doch leider geschah das lange nicht. Nach sechs Monaten in Griechenland konnten wir schließlich am 12. August 2016 mit dem Flugzeug nach Deutschland reisen. Unsicherheit und die belastenden Erlebnisse unserer Flucht waren noch tief in uns spürbar. Wir hatten kaum Geld, keine passende Kleidung und unsere Kinder litten oft unter Hunger.
In Deutschland waren Sprache und Kultur für mich zunächst völlig fremd. Besonders ungewohnt war für mich, dass Frauen hier frei und selbstbewusst ihre Meinung äußern konnten. Das war etwas ganz Neues für mich.
Was uns in den ersten Tagen geholfen hat, waren unsere Englischkenntnisse. Wir konnten ein wenig englisch sprechen und uns dadurch notdürftig verständigen. Mit dem kleinen Geldbetrag, den wir noch hatten, gelangten wir in die Stadt Unna und kamen in ein Flüchtlingslager. Dort wurden wir registriert und bekamen Essen sowie einen sicheren Platz zum Ausruhen, damit wir nach schweren Monaten etwas Ruhe finden konnten. Was mir besonders gefallen hat, war die Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen in Deutschland gegenüber Flüchtlingen sowie das Gefühl von Sicherheit.
Nach einigen Tagen wurden wir in ein anderes Camp verlegt. Auch dort wurden wir sehr unterstützt. Trotzdem litt ich weiterhin unter den traumatischen Erlebnissen und machte mir große Sorgen um meine Familie, die noch in Afghanistan war. Nach drei Monaten wurden wir in das Bieber-Camp der Stadt Menden verlegt.
Hier in Menden wurde unser Leben Schritt für Schritt besser. Es wurde mir bewusst, dass unsere Kinder in Sicherheit, Frieden und Ruhe aufwachsen können und Zugang zu verschiedenen Möglichkeiten haben, damit sie eine gute Zukunft erreichen können. Ich bin den hilfsbereiten und guten Menschen der schönen Stadt Menden sehr dankbar. Einer meiner glücklichsten Momente war, als ich meinen Sohn in der Schule anmelden konnte.
Mein Mann und ich hatten zu Beginn große Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. In manchen Situationen reagierten Menschen empfindlich darauf, wenn wir Englisch sprachen oder sie mochten es nicht. Oft wurde uns gesagt, dass wir einen Dolmetscher mitbringen sollten. Wir waren fast ein Jahr auf der Suche nach einem Deutschkurs. Schließlich konnten wir an der VHS Platte-Heide einen Deutschkurs besuchen. Ich habe ein B2-Deutschniveau erreicht und wollte mich auf C1 verbessern. Doch dann wurde ich schwanger und unser dritter Sohn wurde geboren, sodass ich mich erstmal um ihn kümmern musste. Mein Mann setzte seinen Weg fort und erreichte das Sprachniveau C1. Außerdem absolvierte er eine Umschulung im Fachbereich Informatik.
Heute sind wir vor allem glücklich darüber, dass wir in Sicherheit leben. Unser ältester Sohn besucht die neunte Klasse, der zweite die sechste. Unser jüngster Sohn geht noch in den Kindergarten und wird dieses Jahr eingeschult. All diese Dinge sind für uns eine große Errungenschaft und ein wichtiger Erfolg in unserem Leben.
Ich wünsche mir, hier eine gute Arbeit zu finden, damit ich ein gutes Vorbild für meine Kinder sein kann. Leider suche ich schon seit langer Zeit vergeblich nach einer Arbeitsstelle. Ich habe mich auch in meinem eigenen Beruf an mehreren Stellen beworben, wurde jedoch wegen der fehlenden Anerkennung meines Abschlusses nicht angenommen. Danach habe ich mich in vielen Arztpraxen und Krankenhäusern um eine neue Ausbildung im Bereich MFA (Medizinische Fachangestellte) beworben, konnte jedoch bislang keinen Ausbildungsplatz finden. Mein Mann hat zwar seine Anerkennung erhalten und außerdem eine Umschulung gemacht. Trotzdem hat auch er bisher noch keine Arbeit finden können. Zurzeit ist dies unser größtes Problem.
Die heute in Afghanistan herrschenden Bedingungen zeigen, dass unsere Entscheidung, unser Land zu verlassen, richtig war, denn leider ist es so, dass viele Frauen und Mädchen, die unter großen Schwierigkeiten eine Ausbildung gemacht haben und als Ärztinnen, Lehrerinnen, Hebammen, Krankenschwestern oder Ingenieurinnen gearbeitet haben, heute weder arbeiten noch ihr Haus verlassen dürfen. Sie sind ihrer grundlegenden Rechte beraubt. In Afghanistan gibt es viele Familien, deren einzige Ernährerin eine Frau oder ein Mädchen war – so wie in meiner Familie. Vor der Machtübernahme der Taliban arbeitete meine Schwester, aber dies wird ihr jetzt verwehrt. Mein Vater ist krank und nicht arbeitsfähig. Es gibt also keine Einkommensquelle, obwohl die Familie dringend auf finanzielle Unterstützung angewiesen ist. Frauen und Mädchen verfügen in meinem Heimatland über keinerlei Rechte, sie leben in Unterdrückung und Ungerechtigkeit und haben noch mit zahlreichen weiteren Problemen zu kämpfen.
Jeden Tag telefoniere ich mit meinem Vater, der mich immer nach meinen Fortschritten fragt. Ich bin stolz auf meine Eltern, die auch aus der Ferne stets meinen Lebensweg verfolgt und großes Interesse an einem Fortkommen in meiner Weiterbildung gezeigt haben. Leider ist meine Mutter im Jahr 2022 verstorben, ohne dass ich sie noch einmal sehen konnte.
Daraufhin war ich auf der Suche nach einem Ort, an dem man mir helfen konnte, meinen Vater und meine Schwester nach Deutschland zu bringen. Mit diesem Anliegen wandte ich mich an die Begegnungsstätte Treff Alt Menden, aber leider konnte man mir dort auch nicht dabei helfen. Aber ich wurde von Gaby Wozniewski sehr herzlich zum Frauentreff eingeladen. Ich habe viele gute Erfahrungen mit dem Treff Alt Menden gemacht. Dort wird Migranten auf viele verschiedene Weisen geholfen. So habe auch ich davon profitiert, dass ich mein Deutsch anwenden konnte, sodass ich gelernt habe, besser und sicherer zu sprechen. Außerdem werde ich aktiv darin unterstützt, meine Zeugnisse anerkennen zu lassen und eine Arbeitsstelle zu finden. Ich bin dem Team sehr dankbar und froh, dass ich diese Menschen kennenlernen durfte.
