Dem Tod entkommen, das Leben gewinnen
Yaser Aboshaeer
Es klingt wie aus einem Film – und ist doch bittere Realität: Hunderttausende Menschen sahen sich gezwungen, vor dem Tod zu fliehen, der ihnen infolge von Kriegen drohte. So wie in Syrien machten sie sich über gefährliche See- und Landrouten auf den Weg, um sicheres Land zu erreichen – und damit die größte „Belohnung“ zu gewinnen: das Leben in einem europäischen Land. Besonders Deutschland wurde dabei zum Ziel vieler Schutzsuchender, nachdem es unter der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel im Herbst 2015 seine Türen weit für Geflüchtete geöffnet hatte.
Nach Angaben von Organisationen der Vereinten Nationen sind zwischen 2014 und 2024 mehr als 34.000 Menschen auf den Seewegen zur Europäischen Union ertrunken. Die tatsächliche Zahl dürfte jedoch deutlich höher liegen, da viele Unglücke nie dokumentiert werden und zahlreiche Leichen im Meer unentdeckt bleiben.
Den Geflüchteten und Migranten waren diese Gefahren ebenso bewusst wie das Risiko, dass ihr Asylantrag abgelehnt werden könnte. Doch die Bedrohung in ihren Herkunftsländern war oft ungleich größer. In Syrien etwa führte der Bürgerkrieg, der nach Protesten im März 2011 ausbrach und über ein Jahrzehnt andauerte, zu verheerenden Folgen: Mehr als 600.000 Menschen kamen ums Leben, darunter über 25.000 Kinder und 15.000 Frauen. Millionen wurden verletzt, und mehr als eine Million Menschen wurde inhaftiert – viele von ihnen starben unter Folter. Diese Ereignisse lösten die größte Flüchtlingskrise der modernen Geschichte aus. Heute leben über sechs Millionen syrische Geflüchtete in den Nachbarländern und rund eine Million in Europa – die meisten von ihnen in Deutschland.
Laut Daten des deutschen Bundesinnenministeriums vom August 2025 leben in Deutschland rund 975.000 Menschen syrischer Herkunft, darunter auch jene, die bereits vor dem Krieg als Migranten ins Land kamen. Damit stellen sie nach Türken (1,5 Millionen) und Ukrainern (1,3 Millionen) die drittgrößte ausländische Bevölkerungsgruppe.
Im Zusammenhang mit syrischen Geflüchteten darf auch das Schicksal hunderttausender Palästinenser nicht außer Acht gelassen werden, die zuvor in Syrien als staatenlose Flüchtlinge lebten und keine syrische Staatsangehörigkeit besaßen. Auch sie wurden vom Krieg schwer getroffen – oft sogar stärker. Anhaltende Bombardierungen und jahrelange Belagerungen führten zum Tod Zehntausender und zur nahezu vollständigen Zerstörung von Wohngebieten, in denen einst über eine Million Menschen lebten. Für jene, die Deutschland oder andere europäische Länder erreichen konnten, wurde Integration und der Erwerb der Staatsbürgerschaft zu einer dringenden Notwendigkeit. Denn selbst wenn der Krieg endet, haben sie kein Heimatland, in das sie zurückkehren können – sie gelten, wie es in offiziellen deutschen und europäischen Registern heißt, als staatenlos.
Für diejenigen, die dem Tod entkommen konnten und sicheres Land erreichten, begann eine neue Reise: die Integration. Sie mussten die Sprache lernen und Arbeit finden. Trotz aller Herausforderungen wissen Geflüchtete oft besser als andere den Wert ihres neuen Lebens zu schätzen. Deshalb standen sie vor der Aufgabe, den Schmerz über verlorene Angehörige und zerstörtes Eigentum hinter sich zu lassen und neu anzufangen – zumindest für ihre Kinder, von denen heute viele fließend Deutsch sprechen, oft besser als ihre Muttersprache.
Auch wenn ein Teil der Gesellschaft sie weiterhin nicht als Bestandteil Deutschlands anerkennt, gab es zugleich zahlreiche Deutsche, die Unterstützung und Hilfe leisteten. So gelang es vielen Syrern sowie anderen Geflüchteten und Migranten, sich in Schulen und auf dem Arbeitsmarkt zu integrieren. Heute arbeiten zahlreiche von ihnen in verantwortungsvollen Positionen – in der Medizin, der Technik, im Bildungswesen sowie in Industrie, Handwerk und Fabriken.
Quellen:
– SOS Mediterranee
– Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF)
– DW.com
– Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA)
– Statistisches Bundesamt Regionale Berichterstattung
– Al Jazeera Net Nachrichtenwebsite
Foto: DW.com
