Spätaussiedler

Informationstext

Seit den frühen 1980er Jahren gab es Zuzug von Menschen aus den Ostblockländern, die deutsche Vorfahren hatten und nach dem Zweiten Weltkrieg noch in diesen Ländern lebten.

Da sie Jahrzehnte nach dem großen Flüchtlingszuzug nach Deutschland kamen, nennt man sie „Spätaussiedler“.

Bereits ab dem 12. Jahrhundert, verstärkt im 18. Jahrhundert, wurden ihre Vorfahren, deutsche Siedler aus verschiedenen Landesteilen in osteuropäische Gebiete gerufen, um das Land zu bevölkern und zu kultivieren. Sie siedelten sich in Landstrichen an, die heute zu Ungarn, Rumänien, Polen, Serbien und Ländern der ehemaligen Sowjetunion gehören. 

Gründe für die Auswanderung der deutschen Kolonisten lagen in Wirtschaftsnot oder politischer bzw. religiöser Unfreiheit in ihren Heimatgebieten. In den neuen Siedlungsgebieten versprach man ihnen außer Land auch politische, religiöse und persönliche Freiheit. Denn in ihren Herkunftsgebieten waren sie teilweise durch Missernten und hohe Steuerlast sowie durch Erbteilung der Ländereien verarmt. Dazu kamen Frondienste und Unterdrückung durch die Obrigkeit sowie religiöser Zwang (cuius regio, eius religio = Wer das Land regiert, der bestimmt auch die Religion/Konfession der Untertanen). 

Die Nachkommen dieser Auswanderer kamen nach anfänglichen Schwierigkeiten in ihren neuen Siedlungsgebieten überwiegend zu Wohlstand und wurden von der einheimischen Bevölkerung geschätzt, aber stets auch als nicht ganz zugehörig empfunden. Um sich durchzusetzen, mussten sie besondere Anstrengungen unternehmen, was in vielen Fällen dazu führte, dass sie einerseits besonders gebildet waren und andererseits Eigentum schufen, wodurch teilweise auch Arbeitsplätze für Einheimische geschaffen wurden. 

Im bzw. nach dem Zweiten Weltkrieg mussten viele von ihnen flüchten und kamen in Deutschland als „fremde Deutsche“ an, die meist die deutsche Sprache beherrschten, aber aufgrund ihrer Mittellosigkeit den Einheimischen zur Last fielen, was sie auch zu spüren bekamen. 

Zahlreiche „Volksdeutsche“ blieben aber auch in den Ländern, die ihren Vorfahren und ihnen zur Heimat geworden waren. Als es in diesen Ländern einerseits wirtschaftliche Probleme gab und andererseits aufgrund von Lockerungen in den politischen Systemen leichter geworden war, die Länder zu verlassen, entschieden sich viele von ihnen dazu, in das ursprüngliche Heimatland ihrer Vorfahren auszuwandern, da es dort zu einem großen wirtschaftlichen Aufschwung gekommen war und Deutsche ohne Auflagen aufgenommen wurden, sofern sie ihre Abstammung nachweisen konnten. Sie erhielten ohne Probleme die deutsche Staatsbürgerschaft (im Gegensatz zu den Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg, die erst Jahre später eingebürgert wurden – so z.B. meine Eltern, die 1945 nach Deutschland kamen und erst 1961 die deutsche Staatsbürgerschaft erhielten). 

So kamen ab den 1980er Jahren Deutschstämmige aus verschiedenen osteuropäischen Ländern auch nach Menden, verstärkt in den 90er Jahren. Sie siedelten sich zu großen Teilen im Gebiet des Papenbusches an, sind aber heute auch über das gesamte Stadtgebiet verteilt. 

Marika Eggers

Quellen: Berichte meiner Eltern; eigene Erfahrung, einige Informationen aus Wikipedia


Erfahrungsbericht von V.W. – Spätaussiedlerin aus Kasachstan

Sie seien Gott und den Menschen in Menden so dankbar, hätten viel Glück gehabt. Olga (Namen von der Redaktion geändert) und ihr Mann sind zufrieden, dass sie als Deutschstämmige aus Kasachstan nach Deutschland kommen durften, nachdem die Mauer in Berlin gefallen war.

Ihre Eltern und Schwiegereltern waren in den vierziger Jahren von der Wolga vertrieben und nach Kasachstan verschleppt worden. Sie mussten fruchtbares Land, eine gut funktionierende Gemeinschaft, ihre Heimat verlassen. Die Anfänge in Kasachstan waren äußerst schwer: Ankunft im Herbst mit Schnee und Eis, keine Unterkunft, kein Essen, keine ausreichende Kleidung. Nur mit Hilfe einiger mitfühlender Kasachen konnten sie überleben. 

Olga wuchs bereits in besseren Verhältnissen auf. Ihre Eltern hatten etwas Land und einen Bauernhof, das Zusammenleben mit vielen verschiedenen Nationalitäten funktionierte.

… bis 1989 die Berliner Mauer fiel. Da begann eine Rückholaktion Deutschstämmiger, auch der Wolgadeutschen, in die Bundesrepublik Deutschland. Immer mehr Deutsche verließen Kasachstan. Gleichzeitig veränderten sich dort die politischen und die wirtschaftlichen Verhältnisse. Eine Inflation machte das Leben schwer. Und die Nationen teilten sich. Jetzt ging es um die Abgrenzung der eigenen Nationalität von den anderen. Die Deutschen fühlten sich nicht mehr willkommen.

Wer Verwandte in Deutschland hatte und selbst bis in die dritte Generation hinein „deutsch“ war, konnte einen Antrag auf Übersiedlung stellen lassen. Olgas Mann hatte Verwandte in Bielefeld. Alle erforderlichen Dokumente konnten beigebracht werden und so ging es relativ schnell mit der Umsiedlung: In weniger als einem halben Jahr kamen sie – eine Familie mit 12 Personen – nach Deutschland und wurden zunächst im Übergangslager Bramsche untergebracht. Dort wurden sie vor die Wahl gestellt: Bielefeld oder Menden? Nachdem sie sich beides angeschaut hatten, stand ihre Entscheidung fest: Menden soll es sein, eine gemütliche, relativ kleine Stadt mit wunderbarer Natur. 

Und sie hatten sich nicht getäuscht: Sofort fühlten sie sich wohl – in der Stadt und bei den Menschen. Zunächst kamen sie in den Übergangsheimen an der Bischof-Henninghaus-Straße unter. Dort waren bereits andere Umsiedler oder auch „Spätaussiedler“ genannt. Sie freundeten sich mit einigen an, auch mit Einheimischen, die ihnen vielfältig halfen: Beim Ausfüllen von Formularen, bei der Beschaffung von Kleidung, bei der Versorgung mit Lebensmitteln. 

Sogar eine Arbeitsstelle wurde Olga von Frau Nolte (Sozialkaufhaus) vermittelt: Sie konnte in einem renommierten Mendener Gastronomiebetrieb professionell kochen lernen. Als Diplomingenieurin der Lebensmittelindustrie verstand sie sowieso viel von Ernährung und Lebensmittelzubereitung. Dieses Gebiet gefiel ihr. 

Es ging steil voran mit der Eingliederung in die Gesellschaft. „Für uns war es wichtig, nach vorn zu schauen, uns nicht dem Heimweh hinzugeben, das Leben neu aufzubauen, die Kinder zur Schule zu schicken, selbst noch besser Deutsch zu lernen, Kontakte zu knüpfen, Freundschaften mit Einheimischen zu pflegen, offen zu sein für alle Anforderungen“, sagt sie mit Überzeugung. 

Fleißig mussten sie sein, sie arbeiteten viel und die ganze Familie packte an. Belohnt wurden ihr Einsatz, ihre Ausdauer, ihre Beharrlichkeit dadurch, dass sie sich im Jahre 2000 selbstständig machen konnten. 

Heute blickt sie mit Zufriedenheit und Dankbarkeit zurück auf eine gelungene Integration. Von Anfang an hätten sie sich willkommen gefühlt, selbst seien sie positiv und aufgeschlossen gewesen und seien es immer noch – und besonders: dankbar.

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