Der Fall der Berliner Mauer
„Sofort, unverzüglich!“ antwortete Günter Schabowski am 9. November 1989 auf die Frage eines Journalisten, wann die von ihm vorgestellte Ausreiseregelung gelte. Damit ver- setzte der Sprecher des SED-Zentralkomitees der DDR ungewollt den Todesstoß, denn die schnell verbreitete Nachricht ließ die Berliner zu den Grenzübergängen in den Westen strömen. Die Grenzsoldaten, überrascht von diesem Ansturm, gaben dem schnell wach- senden Druck nach und öSneten die Grenze, die seit 1961 verschlossen war. Ein Wunder, dass dabei kein einziger Schuss fiel. Mit dem Mauerfall war vielen klar: die DDR würde nicht mehr lange Bestand haben.


Quellen: larepublica/picture Alliance
Der Irrtum Schabowskis war natürlich nicht der einzige Grund des Zusammenbruchs, sondern nur der letzte Sargnagel. Die DDR hatte versäumt, sich den weltpolitischen Ver- änderungen anzupassen. Der Wandel unter Gorbatschow als Generalsekretär und damit als mächtigstem Mann in der Sowjetunion wurde in seiner Dynamik unterschätzt. Anders als seine Vorgänger gestand er jedem Land des damaligen Ostblocks einen eigenen Weg zum Sozialismus zu. Damit gab er Raum auch für innenpolitische Veränderungen. Be- kannt ist sein Ausspruch bei einem Besuch in Ostberlin 1989: ‚Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.‘
Dass tiefe Risse das kommunistische System durchzogen, zeigte sich schon lange: neben den Aufständen in den 50/60er Jahren war es ab 1980 die vom Staat nicht mehr kontrol- lierbare Gewerkschaftsbewegung in Polen (Solidarnośc) und 1989 die TeilöSnung des „Ei- sernen Vorhangs“ durch Ungarn. In der DDR selbst äußerte sich die zunehmende Unzu- friedenheit in den anwachsenden Montagsdemonstrationen wie auch in der Besetzung der westdeutschen Botschaften durch DDR–Flüchtlinge in Prag und Budapest. Im Hinter- grund erschwerte eine erhebliche Verschuldung der DDR bei der Bundesrepublik die Si- tuation.
Gorbatschow dagegen erkannte schon früh die Notwendigkeit eines grundlegenden Um- baus des sowjetischen Staates, auch bedingt durch die hohen Ausgaben für das Wettrüs- ten mit den USA. Dagegen lehnte die DDR-Regierung Reformen ab. Um den Protesten im In- und Ausland dennoch ein Ventil zu geben, erlaubte die DDR den Transport der Bot- schaftsflüchtlinge von Prag in die BRD. Mit verplombten Zügen wurden sie durch das DDR-Gebiet nach Westdeutschland gebracht. Um weiter innenpolitischen Druck abzubauen, wurde im November 1989 darüber hinaus beschlossen, auch die direkte Ausreise aus der DDR zu genehmigen – allerdings wohl ohne eine Rückkehr zu erlauben. Auf jeden Fall sollte der Beschluss erst ab dem 10. November gelten, um ihn mit den Grenz- behörden abzusprechen. Durch den Irrtum Schabowskis erhielten seine Worte aber eine derartige Brisanz, dass der Plan scheiterte.
Was waren nun die Motive so vieler Menschen, die DDR verlassen zu wollen? War es die oft geforderte Reisefreiheit in den Westen oder die verlockenden Konsummöglichkeiten in der BRD? Überhaupt das Gefühl von Freiheit? Tatsächlich haben diese Punkte wohl eine Rolle gespielt. Viel wichtiger aber die Frage: Wurden die hohen Erwartungen erfüllt? Und wie erging es denen, die nach Menden gekommen sind?
Die Befragung von Zeitzeugen gibt hier einen kleinen Einblick:
Herr R. aus Sachsen, Jg. 1963, flüchtete mit Frau und zweijährigem Sohn in einem Trabi über die damals noch bestehende Grenze DDR/ Tschechoslowakei und wohnt jetzt in Menden:
Für ihn waren es nicht die Reisefreiheit oder die materiellen Dinge, die ihn lockten, sondern das Bedürfnis, den Gängelungen des Systems zu entkommen, also seine persönliche Freiheit leben zu können. Als junger Vater wollte er die freiheitlichen und weltan- schaulichen Beschränkungen des sozialistischen Erziehungssystems der DDR seinem Sohn auf jeden Fall ersparen. Außerdem stand er immer schon in einem Konflikt mit dem sozialistischen System, da er kirchlich orientiert war. Er besuchte als Chemiestudent in Leipzig regelmäßig die Katholische Studentengemeinde und übernahm dort auch Lei- tungsverantwortung. Zudem lehnte er auch alles Militärische ab; besonders in seiner Dienstzeit bei der Nationalen Volksarmee (NVA) waren damit Konflikte unvermeidbar. So war es nur logisch, dass er trotz seines Abiturs jeden Gedanken an eine Ausbildung zum OSizier der Reserve ablehnte. Dies bedeutete in der DDR aber auch, dass ihm ein Promotion in seinem Studienfach Chemie versagt war, da damit der von jedem erwartete Einsatz für den sozialistischen Staat nicht gewährleistet war.
Für Herrn R. war es also eine klare Befreiung von den ideologischen Fesseln, als die Grenze sich öffnete. Dass er dann nach Menden kam, ist wohl eher zufällig: es war die Arbeitsmöglichkeit als Produktmanager bei einem großen Sanitärausstatter. Bewahrt hat er sich allerdings sein Interesse für das Brauchtum des Erzgebirges, das er heute noch pflegt.
Problemlos war für ihn auch die Integration vor Ort, die ihm in Menden leichter gemacht wurde als z. B. in Hessen, wo er nach seiner Ausreise aus der DDR kurzzeitig wohnte. Er erlebte die Menschen hier als offener gegenüber Fremden, vielleicht, so seine Vermutung, durch die Nähe zum Ruhrgebiet.
Im Unterschied zu den Kriegsvertriebenen nach dem 2. Weltkrieg wurde auch nicht der Kontakt zu anderen hier lebenden ehemaligen DDR – Bürgern gesucht. Dafür vollzog sich diese Zuwanderung wohl zu sporadisch und öSentlich kaum wahrgenommen. Die Einglie- derung erfolgte ohne Probleme. Herr R. lebt mit seiner Frau, die aus der Nähe Berlins stammt, in Bösperde, die Familie hat zwei Söhne.
Deutlich anders verlief die Lebenslinie von Herrn H. aus Bautzen, Jg. 1969. Er arbeitete als Zimmermann in der DDR und seine „Flucht“ geschah eher zufällig. Er hatte davon ge- hört, dass in der Prager Botschaft der BRD „etwas los war“ und viele dorthin fuhren. So beschloss er mit seinem damaligen Freund, sich das Ganze aus Neugier mal anzu- schauen. Als er dort war, tat sich eine Lücke in der Soldatenkette auf, die die Botschaft abschirmen sollte, und er wurde von der nachdrückenden Menge in den Innenhof ge- drängt. Dass dort der damalige Bundesaußenminister H.D. Genscher sprach und die Erlaubnis zur Ausreise in die BRD verkündete, hat er erst mitbekommen, als der Jubel anhob. Sein Freund und er wurden dann in einer großen Gruppe zum Bahnhof geleitet und stiegen in Züge, die plombiert wurden. So gelangte er in die Bundesrepublik, kam über Gießen, Schöppingen, Lüneburg schließlich nach Balve und von dort nach Hemer. Er arbeitete in den verschiedensten Bereichen, als Straßenbauer, europaweiter Auslieferungsfahrer oder auch als Leiter des Fahrdienstes für Leasingarbeiter, bis er bei der Fa. Sarstedt (Medizintechnik) eine Anstellung fand und in die Leitung aufstieg. Auch er hatte keine Probleme, in Menden akzeptiert zu werden; er lebt mit seiner Familie im Lahrfeld.
Bleibt festzuhalten, dass beide Zeitzeugen beruflich Fuß gefasst haben (wenn auch im Einzelfall über einige Umwege) und sich in Menden beheimatet fühlen, wobei Schwibbögen beim einen und Klassenfeiern beim anderen durchaus noch eine Verbindung zur früheren Heimat herstellen. Repräsentativ kann dieses Ergebnis auf Grund der schmalen Datenbasis aber in keiner Weise sein.
Abkürzungen:
DDR = Deutsche Demokratische Republik
SED = Sozialistische Einheitspartei Deutschlands
SED-Zentralkomitee = entscheidendes Leitungsorgan der staatsbeherrschenden SED zwischen den Parteitagen, quasi die Regierung
Ostblock = die Vereinigung der kommunistischen Staaten in Osteuropa unter Führung der Sowjetunion (also Russlands); dazu gehörten z. B. Polen, Ungarn, Tschechoslowakei (heute: Tschechien und die Slowakei), die DDR
BRD = Bundesrepublik Deutschland
Die Darstellung stützt sich auf:
Weltgeschichte im Aufriss
Zeiten und Menschen
www. hdg.de Protokollzettel Günter Schabowski
