Iran

Verzeichnis

  1. Fluchtwege aus dem Iran nach Deutschland
  2. Schaubild zur Flucht aus dem Iran
  3. Erfahrungsberichte zweier Iranerinnen

FLUCHT AUS DEM IRAN NACH DEUTSCHLAND
Wege, Ursachen und Hintergründe

HINTERGRUND

Seit mehreren Jahrzehnten verlassen Menschen den Iran aus unterschiedlichen Gründen. Politische Repression, Einschränkungen von Meinungsfreiheit und Menschenrechten sowie wirtschaftliche Unsicherheiten zählen zu den wichtigsten Ursachen. Auch ethnische und religiöse Minderheiten – darunter viele Kurdinnen und Kurden – sind teilweise von Benachteiligung betroffen.

ZWEI HAUPTWEGE DER FLUCHT
1. LANDWEG – DIE BALKANROUTE

Iran → Türkei → Griechenland → Balkan → Österreich → Deutschland

  • häufig über Schleusernetzwerke organisiert
  • Grenzübertritte oft unter gefährlichen Bedingungen
  • lange Strecken zu Fuß, mit Bus oder Zug
  • hohe Belastung durch Unsicherheit, Gewalt und Kälte
  • Dauer: mehrere Wochen bis Monate

Besonderheit:
Die sogenannte „Balkanroute“ wurde besonders ab 2015 stark genutzt und steht bis heute für irreguläre Migration nach Europa.

2. FLUCHT PER FLUGZEUG

Iran → Zwischenstopp (z. B. Türkei oder Golfstaaten) → Europa → Deutschland

  • deutlich schneller und sicherer
  • meist nur mit finanziellen Mitteln möglich
  • abhängig von Visa- und Einreisebestimmungen
  • häufig erfolgt der Asylantrag erst nach der Einreise

Unterschied:
Diese Form der Migration ist weniger sichtbar, aber für viele Menschen ein entscheidender Weg.

URSACHEN DER FLUCHT
  • politische Verfolgung und fehlende Freiheitsrechte
  • wirtschaftliche Perspektivlosigkeit
  • gesellschaftlicher Druck und Diskriminierung
  • Konflikte rund um ethnische Minderheiten (z. B. Kurden)

grafik exiliraner in deutschland wdr
grafik hist. u. akt. migrationswellen aus iran

Quelle: Datenanalyse des Instituts der deutschen Wirtschaft

DIE BEDEUTUNG FÜR DEUTSCHLAND

Migration ist seit Jahrhunderten Teil der deutschen Geschichte. Auch die Zuwanderung aus dem Iran trägt zur gesellschaftlichen Vielfalt bei.

Integration gelingt besonders durch:

  • Zugang zu Bildung
  • Erwerbstätigkeit
  • Sprachförderung
  • gesellschaftliche Teilhabe
FAZIT

Die Flucht aus dem Iran nach Deutschland zeigt, wie unterschiedlich Wege und Voraussetzungen von Migration sein können. Während einige Menschen gefährliche Routen über mehrere Länder hinweg nehmen müssen, gelingt anderen eine direkte Einreise per Flugzeug. Beide Wege spiegeln die komplexen globalen Zusammenhänge von Flucht und Migration wider.


Schaubild

20260731 fluchtwege iran

Bericht über zwei Iranerinnen

Farah und Nia sowie deren kleine Schwester sind am 31.8.2018 aus Teheran mit einem Visum per Flugzeug nach Deutschland gekommen und in Berlin gelandet. Farahs Schwester, die seit 2015 wegen ihres Studiums der englischen Literatur in Potsdam wohnt, besorgte der Familie ein Touristenvisum. Weil die Bedingungen in der Heimat – vor allem für Frauen – immer schlechter geworden waren, blieb die Familie in Deutschland und der Vater kam später nach.

Seit der Herrschaft von Ajatollah Khomeini hatten Frauen keine Rechte, insgesamt gab es keine persönliche Freiheit. Die Reichen hatten Vorteile und konnten sich alles leisten, während der Mittelstand sich stetig mehr bemühen musste. Der Vater arbeitete im Iran als Handwerker, die Mutter (Farah) in leitender Position als Krankenschwester. Aber der Lebensunterhalt wurde immer teurer, während die Gehälter zunehmend geringer wurden. Es gab und gibt bis heute keine sozialen Einrichtungen. 

Anfangs waren sie in Deutschland in einem Flüchtlingsheim im Flughafen Tempelhof untergebracht. Später zogen sie nach Spandau um. Beide Unterkünfte waren in einem sehr schlechten Zustand. Danach wurden sie nach Bochum, Köln, Euskirchen und zum Schluss, am 25.2.2019, nach Menden verlegt, wo sie zwei Monate lang in der Wunne wohnten. Das Team Integration kümmerte sich sehr gut um die Familie. Nachdem sie in die Heidestraße gezogen waren, lernten sie in der Nachbarschaft das Ehepaar Krause kennen, das sie in vielerlei Hinsicht in großem Umfang unterstützte. Noch zweimal zogen sie innerhalb Mendens um. 

Farah fing sofort nach ihrer Ankunft mit einem Deutschkurs an der VHS an, ihr Mann konnte erst später beginnen, weil er sich zunächst um die Kinder kümmerte, von denen das jüngste erst anderthalb Jahre alt war.

Das Leben in Deutschland war für Farah gewöhnungsbedürftig. Im Iran war sie Chefin auf der Intensivstation einer Klinik, wo sie 20 Jahre arbeitete, in ihrem neuen Land musste sie von unten anfangen und erst die Wertschätzung ihrer Kolleginnen erwerben.  Um ihren erlernten Beruf in Deutschland ausüben zu können, mussten ihre Abschlusszeugnisse anerkannt werden. Zusätzlich musste sie eine Kenntnisprüfung absolvieren.  Währenddessen war sie bei Prosana tätig. In dieser Zeit und im Zusammenhang mit ihrer Berufsanerkennung erhielt sie viel Unterstützung von Krauses und Pfarrer Fiedler. 

Nach der Prüfung arbeitete sie fast acht Monate im Vincenz-Krankenhaus. Wegen gesundheitlicher Probleme war sie danach ca. sechs Monate arbeitslos. Am 15.11.2023  wurde sie von der Caritas in der mobilen Pflege angestellt.

Die damals 10-jährige Tochter Nia kam in Menden am Walramgymnasium in eine Integrationsklasse, wo sie drei Jahre Deutsch lernte. Parallel besuchte sie den Unterricht der Klassen 5 bis 7.  Danach wechselte sie auf Anraten eines Lehrers auf die Gesamtschule. 

Am Walramgymnasium fühlte sie sich in die Klasse nicht so gut integriert, weil die Mitschülerinnen sich ihr gegenüber sehr wechselhaft verhielten.  Das führte dazu, dass sie sich unsicher fühlte und wegen ihrer anfänglichen Sprachprobleme schämte. Sie konnte die Lehrer oft nicht verstehen, wenn sie mit ihr auf Deutsch sprachen. Mit Englisch hatte sie von Anfang an keine Schwierigkeiten, weil sie im Iran bereits Privatunterricht in dieser Sprache bekommen hatte. Während die meisten Lehrer freundlich und entgegenkommend zu ihr waren, verhielten sich einige Lehrer des Gymnasiums latent rassistisch, wie sie es empfand. Sie hatte das Gefühl, dass man ihr nicht so viel zutraute.  Anfangs bekam sie keine Noten und wusste deshalb nicht, wie man sie leistungsmäßig einschätzte. 

Eine gute Erfahrung war für sie der Deutschunterricht in der Integrationsklasse. Sie hatte eine gute und einfühlsame Lehrerin, die ursprünglich aus Spanien stammte und wahrscheinlich deswegen ihre spezifischen Probleme als Ausländerin nachvollziehen konnte. Unter ihrer Anleitung lernte Nia sehr schnell Deutsch. 

Über eine weitere gute Erfahrung berichtet sie: Während der Coronazeit sorgte ein Lehrer, neben dem Ehepaar Krause, für die Familie, z.B. indem er für sie einkaufte. 

Wenn Nia sich mit den gleichaltrigen Mädchen in ihrer Klasse verglich, kam es ihr so vor, als seien diese, was die Reife betraf, noch nicht auf ihrem eigenen Stand. Sie führte das auf ihre teilweise belastenden Erlebnisse in ihrer Heimat und bei ihrem Neubeginn in einem fremden Land zurück. 

Zunächst war sie traurig, dass sie die Schule wechseln sollte, denn sie war sehr ehrgeizig und hatte sich vorgenommen, das Abitur zu erreichen. Aber letztlich fühlt sie sich in der Gesamtschule sehr wohl, denn dort wurde sie von den Mitschülerinnen bereitwillig aufgenommen. Dadurch, dass dort verschiedene Nationalitäten vertreten waren, fiel sie nicht so sehr als „Fremde“ auf.  Jetzt ist sie in der 12. Klasse und will nächstes Jahr ihr Abitur machen, um dann möglichst Medizin oder Zahnmedizin zu studieren. 

Nia hat ein Hobby, das sie mit großem Einsatz betreibt: das Schwimmen. Schon mit vier Jahren hatte sie im Iran mit dem ersten Schwimmkurs angefangen und im Laufe der Jahre das Goldabzeichen erworben. Auch in Deutschland möchte sie ihr Goldabzeichen machen. 

Mit dem Treff Alt Menden hatte die ganze Familie zu tun. Während Nia manchmal zur Hausaufgabenhilfe ging, war Farah vor der Coronapandemie oft dienstags abends zum Deutschsprechen dort. Sowohl Mitarbeiter/innen als auch andere Besucher halfen Farah und ihrer Familie bei vielen Angelegenheiten.

Da Farah schon gleich zu Beginn ihres Aufenthaltes in Menden mit dem Arbeiten anfing, hatte sie leichte Anfangsschwierigkeiten wegen der sprachlichen Defizite. Aber jetzt ist sie sehr zufrieden, denn sie hat eine nette und verständnisvolle Chefin und alle Patienten sind freundlich zu ihr.

Natürlich haben Mutter und Tochter Heimweh und Sehnsucht nach ihren Verwandten im Iran. Gerade in der jetzt so schwierigen Situation mit Unterdrückung und Krieg sind die Kontakte zurückgefahren und das belastet sie sehr. In Deutschland haben sie vorwiegend Kontakte mit Iranern. Man spricht eben auch gerne in der Muttersprache und tauscht sich über gemeinsame Probleme aus.  Aufgrund kultureller Unterschiede ist es zudem leichter, sich mit Menschen aus dem eigenen Land zu verstehen. 

Dennoch hebt Farah immer wieder ihre Dankbarkeit gegenüber den Menschen aus, die sie hier in Deutschland unterstützt haben oder es jetzt tun. Auf die Frage, ob sie in den Iran zurückkehren würden, falls die politischen Verhältnisse sich grundlegend verändern würden, schütteln Mutter und Tochter den Kopf. Lediglich zu Besuch würden sie in ihr Heimatland fahren, leben wollen sie weiterhin hier. Für die jüngste Tochter, die hier aufgewachsen ist, ist Deutschland sowieso ihre Heimat. Auch sie würde im Iran nur Urlaub machen wollen. 


Autorin: Marika Eggers auf der Grundlage eines Interviews mit Farah und Nia


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